Nur vor den Kopf

(Mann und Frau sitzen am Frühstückstisch. Mann liest Zeitung, Frau liest eine Illustrierte oder Zeitung)

Mann : Wann müssen wir eigentlich los?

Frau: (Guckt auf die Uhr) In 10 Minuten müssen wir anfangen, die Kinder fertig zu machen.

Mann: Na, da haben wir ja noch etwas Zeit. (liest weiter)
Das ist interessant. Hier ist ein Artikel über moderne Überwachungsmethoden.

Frau: (Blickt auf) Aha, was steht denn da?

Mann: Z.B. kann man bei manchen Computermonitoren anhand der Strahlung, die vom Monitorkabel ausgeht, mit den richtigen technischen Mitteln das Bild wieder herstellen.

Frau: Aber das Kabel vom Computer zum Monitor, das ist doch normalerweise nur anderthalb Meter lang.
Und wenn man schon so nah am Monitor dran ist, dann kann man auch direkt auf den Monitor gucken.

Mann: (etwas genervt) Ja, ja.
Hier, das ist besser:
Man kann von außen bei geschlossenem Fenster feststellen, worüber wir reden, denn unser Reden sorgt für winzige Schwingungen im Fenster.
Einem Laser-Strahl wird auf die Scheibe gestrahlt und Reflektion des Laser-Strahls übermittelt diese Schwingungen und daraus kann man die Worte rekonstruieren.
Geheimdienste nutzen heutzutage diese Technik.

Frau: (guckt aus dem Fenster) Hm, der Geheimdienst wäre mir fast noch lieber, als unsere Nachbarin, die schon wieder durch den Vorhang spinxt.

Mann: Ach ja, die Frau Schulze. Die ist wirklich etwas nervig.

Frau: Gestern abend bin ich noch halbnackt in der Küche etwas trinken gewesen und wir hatten ja die Jalousien vergessen.
Da hing sie schon wieder am Fenster.

Mann: Und wenn ich guten Tag zu ihr sage, dann antwortet sie zwar, aber sie guckt dabei immer irgendwie komisch.

Frau: Wer weiß, vielleicht hat sie Dich ja schon 'mal nackt durch die Wohnung laufen sehen.

Mann: Also seit ich weiß, daß sie immer guckt, achte ich schon darauf, daß die Vorhänge zu sind, wenn ich wenig an habe.

Frau: (ernsthaft) Eigentlich tut sie mir leid.
Ihr Mann ist schon lange tot, ihre Kinder kommen nur alle paar Monate vorbei und zu den übrigen Nachbarn hat sie eigentlich auch keinen richtigen Kontakt.

Mann: Ja, das stimmt natürlich; die ist wirklich einsam.

Frau: Ich finde sie zwar etwas eigenartig, aber ich glaube, ich lade sie mal zum Kaffee ein.

Mann: (guckt etwas unglücklich) Ja, wahrscheinlich ist es richtig das zu tun.
(verschmitzt) Außerdem braucht sie dann ja auch nicht mehr durchs Fenster zu uns zu gucken, sie ist ja dann direkt hier.
Sie hat dann zum Bild auch noch den Ton.

Frau : Blödmann (liest weiter)

Mann: (fängt wieder an zu lesen) Das gibt es nicht (spielt den Fassungslosen; steht auf, reist sich einen Meter Alufolie ab und formt daraus ein Hütchen)

Frau : (schaut ihn fragend an)

Mann: Da gibt es eine ganz neue Überwachungsmethode.
Im Gehirn werden die Gedanken von Nervenzelle zu Nervenzelle ja durch Elektroimpulse übertragen und diese Elektroimpulse strahlen ganz minimal aus und es gibt jetzt ein Gerät, womit man diese Impulsstrahlen aufzeichnen kann und mit einem
neuartigen Programm kann man dann die Gedanken sichtbar machen.
Nur so ein Aluminiumhütchen schirmt diese Impulsstrahlen ab.
(Setzt ihr das Hütchen auf)

Frau : (guckt völlig entgeistert, und nach 1-2 Sekunden:) Niemals, das funktioniert niemals (nimmt das Hütchen ab).

Mann: (wartet kurz; grinsend) Aber du hast es für einen kurzen Augenblick geglaubt, gib es zu. Für einen kurzen Augenblick hast Du es geglaubt.

Frau : (etwas gedehnt) Nein, das stimmt gar nicht. (wieder sicherer) Du bist echt ein Kindskopf.

Mann: Aber das andere, was ich vorgelesen habe, geht wirklich alles.
(überlegt kurz)
So ein Gedankenlesegerät, wenn es das gäbe, das wär doch mal im Gottesdienst interessant.
Was geht den Leuten während eine Predigt wirklich durch den Kopf?

Frau : Ja, klar. Dann ist vorne in der Kanzel ein Monitor und der Prediger kann direkt sehen, ob ihm überhaupt noch einer zuhört.

Mann: Dann würden wohl alle mit Aluhütchen in den Gottesdienst kommen.

Frau : Das nutzt doch nichts, in der Kirche muß man einen Hut doch abnehmen, zumindest gilt das für die Männer.
(schnippisch) Außerdem tu mal nicht so.
Nach dem ein Prediger begeistert darüber gesprochen hat, daß er sich so viele Gemeindemitglieder wünscht, wie Steine in der Mauer hinter der Kanzel sind, hast Du doch den Rest der Predigt damit verbracht, die Steine in dieser Mauer zu zählen.

Mann: Hey, das ist schon lange her und außerdem habe ich gerechnet und abgeschätzt und nicht gezählt und das ging auch ganz schnell.
Außerdem hätte es ja eine prophetische Aussage sein können und ich wollte halt wissen, was auf unsere Gemeinde zu kommt.
Ich weiß aber gar nicht mehr, wie viele es waren.

Frau : Vielleicht ist die Predigt ja heute mal langweilig und dann kannst Du ja wieder zählen.

Mann: Ich habe abgeschätzt, nicht gezählt.
Aber man läßt sich schon manchmal leicht ablenken.
Ich habe mir bei langweiligen Predigten auch schon einmal vorgestellt,
mit einem ferngesteuerten Flugzeug um die Lampen zu kreisen.
Dabei habe ich aber immer ein schlechtes Gewissen, weil ich ja auch möchte, daß man mir zuhört, wenn ich mal vorne stehe.

Frau : Es ist schon gut, daß es so eine Gedankenlesemaschine nicht gibt.
(überlegt kurz)
Aber manchmal wüßte ich schon gerne, was in den Köpfen der anderen so vorgeht. Wir leben in der Gemeinde doch manchmal sehr aneinander vorbei.

Mann: (weise tuend) Du meinst, wir haben oft ein unsichtbares Aluhütchen voreinander auf.

Frau : (liebevoll ironisch) Oh nein, wie tiefsinnig.
Aber mir geht es ja manchmal selbst so:
Hoffentlich errät mein Gesprächspartner jetzt nicht, was mich wirklich beschäftigt oder bedrückt und dann habe ich, o weiser Gatte, wirklich ein unsichtbares Aluhütchen auf.

Mann: Hauptsache, mir erzählst Du es.
(guckt auf die Uhr, steht auf) Wir müssen. (guckt unauffällig zum Fenster und sagt dann zu seiner Frau) Du mußt das Aluhütchen noch einmal aufsetzen. (setzt es ihr auf)

Frau : (läßt es sich gefallen) Warum denn?

Mann: Weil Frau Schulze gerade wieder guckt (legt den Arm um seine Frau, lächelt zum Fenster und winkt)

© Peter + Sonja Schütt, Leichlingen, 2008