Sketch : Der arme Lebensretter

(Ein Mann geht spazieren und fängt auf einmal an zu taumeln.

Er faßt sich ans Herz und bricht zusammen.

Er ruft mit erstickter Stimme um Hilfe und holt mit zitternden Fingern ein Fläschchen aus seiner Jacke.

Sie fällt ihm aus der Hand, aber er kann sich nicht mehr bewegen.

Ein andere Passant kommt vorbei, sieht den Kranken und will ihm helfen.)

Kranke : (röchelnd) die Flasche, meine Tabletten ....

Passant : (nimmt die Flasche, öffnet sie und schüttet sich ein paar Tabletten auf die Hand und hält sie dem Kranken hin)

Kranke : (nimmt eine Tablette und erholt sich langsam; er atmet erleichtert aus) Vielen Dank, eine reicht.

Passant : (tut die andere Tabletten zurück ins Fläschchen, verschließt sie und gibt sie dem Kranken zurück)

Kranke : (langsam) Sie haben mir das Leben gerettet. Ich muß jeden Tag so eine Tablette nehmen, sonst kann es ganz schnell mit mir zu Ende gehen. Und heute habe ich das leichtsinnerweise vergessen. Da vergißt man einmal was ....

Passant : Augenblick, ich kenne Sie. Sie sind Professor Stratmann, ich habe ihr Bild in der Zeitung gesehen. Sie sind doch mit ihren Forschungen europaweit bekannt geworden.

Stratmann : Ja das stimmt. Und ich bin steinreich geworden.

Doch fast hätte es mir nichts mehr genützt....

Ich möchte mich erkenntlich zeigen. Hier, ich schreibe ihnen einen Scheck über 100.000 DM aus.

Passant : Nein, nein, lassen Sie mal. Das ist nicht nötig, das war nur meine Pflicht, was ich getan habe.

Stratmann : Doch, doch, die Freude müssen Sie mir machen. Möchten Sie einen Ferrari oder eine Harley-Davidson oder sonst irgendetwas ?

Passant : Nein, danke. Ich habe gar keinen Führerschein. Lassen Sie mal...

Stratmann : Oder möchten Sie ein eigenes Haus, ein Ferienhaus auf Mallorca ?

Passant : Nein, ich bin eigentlich zufrieden mit dem, was ich habe.

Stratmann : Oder gibt es etwas, was sie schon immer wissen wollten ? Ich habe Zugriff auf weltweite Datenbanken, ich kenne Professoren aller Fakultäten. Wenn Sie etwas wissen wollen, werde ich keine Kosten scheuen und es für Sie herausbekommen.

Oder haben Sie einen Lebenstraum, etwas, was sie schon immer machen wollten, was aber bisher aus irgendwelchen Gründen nicht ging ?

Ich werde alle Hebel in Bewegung setzen, um es für Sie zu ermöglichen.

Passant : Hm, da gäbe es schon etwas.

Stratmann : Kein Problem, ist schon geschehen. Was ist es ?

Passant : Ich würde so gerne mal Helgoland sehen, werde aber sehr schnell seekrank und ich habe auch eine wahnsinnige Flugangst.

Können Sie mir eine Brücke bis nach Helgoland bauen ?

Stratmann : (entgeistert) Eine Brücke nach Helgoland ?

Da müßte man quer durch Naturschutzgebiete und eine Unmenge an Stahl und Beton verbrauchen. Das bekommt man niemals genehmigt. Das ist nicht machbar.

Passant : Das ist aber schade.

Hm, da gäbe es etwas, was ich schon immer wissen wollte.

Stratmann : Ja ? Was denn ? Ich werde es für Sie herausbekommen.

Passant : Ich habe nie die Frauen verstanden,...nie gewußt, wie sie in ihrem Inneren fühlen, und was sie denken, wenn sie schweigen ... nie gewußt, warum sie weinen... nie gewußt, was sie wollen, wenn sie "ach nichts!" sagen, ... nie gewußt, wie ich sie wirklich glücklich machen kann ...

Das würde ich gerne wissen.

Stratmann : (schaut ihn eine Minute an) Möchten Sie die Brücke zwei- oder vierspurig ?

Peter Schütt, Leichlingen, 1999