Vater-Unser

Gottesdienst, , , Evangelisch-freikirchliche Gemeinde Leichlingen

Einleitung

(Folie 1)

Ich möchte heute mit Euch übers Beten nachdenken.

Und da ich ein Kind der 80er bin, fallen mir immer auch einmal wieder die Lieder aus meiner Jugend ein, die ich damals so gehört habe.

Damals war die Kölner Gruppe BAP sehr populär. Ein paar Lieder von denen mochte ich, ein paar nicht so. Aber die hatten ein Lied im Repertoir, das sich mit dem Gebet beschäftigte. Es zeig Euch einmal ein paar Textauszüge, allerdings auf hochdeutsch übersetzt.

Bap (Wenn das Beten sich lohnen täte)

(Folie 2)

Wenn das Beten sich lohnen täte,
was meinst du wohl, was ich dann beten täte.
..

Für all das, wo der Wurm drin,
für all das, was mich immer schon quält,
für all das, was sich wohl niemals ändert.
Klar - und auch für das, was mir gefällt.

(Folie 3)

...
Ich täte beten, was das Zeug hält,
ich täte beten auf Teufel komm raus,
ich täte beten für was ich gerade Lust hätte,
doch für nichts, wo mir wer sagt: "Du mußt!"

...
Vielleicht beneide ich auch die glauben können,
doch was soll das, ich jage doch kein Phantom.

Gott, wäre Beten bloß nicht so sinnlos, ...

(Folie 4)

Und was ist die Botschaft dieses Liedes?

Beten lohnt sich nicht. Es fängt ja schon so an. „Wenn das Beten sich lohnen täte“, für unsere Schüler, das ist Konjunktiv Vergangenheit und diese Zeitform nimmt man für sehr unwahrscheinliches.

Aber wenn doch: Wofür will er beten? Er hat schon auch die anderen im Blick: „Für all das, wo der Wurm drin“, „für all das, was sich wohl niemals ändert“, doch er sieht es natürlich aus seiner Blickrichtung: „Was mich quält“.

Das ist halt ein generelles Problem. Man ist natürlich gegen Krieg, gegen Hunger, gegen Leid, aber man weiß ja gar nicht so richtig, wo wieviel Leid ist. Dadurch übersieht man einfach viel.

Der Liedautor sieht Gebet als Mittel, um Dinge zu bewirken, so wie er sich das vorstellt. Man kann ja auch an vielen Dingen verzweifeln und es wäre doch schön, wenn man nur zu beten bräuchte, und Abrakadabra, es passiert.

Und natürlich, darin ist das Lied auch nach 30 Jahren noch sehr modern: „Ich bete, wann und wozu ich Lust habe.“

Aber es ist sowieso sinnlos und Gott nur ein Phantom, so seine Schlussfolgerung.

Man merkt aber, dass doch eine gewisse Sehnsucht herausschimmert, dass da doch mehr dran wäre.

Eine Sache hat er verstanden. Das Gebet an sich war einmal ursprünglich so gedacht, dass es etwas bewirken sollte, und da kommt der Liedautor nicht mit klar und irgendwie fordert es ihn heraus.

(Folie 5)

Wenn man Gebete im Fernsehen sieht, ob das nun eine Szene aus irgendeinem offiziellen Gottesdienst in den Nachrichten ist, oder ein Ausschnitt vom Vatikanstaat oder sonst wo, dann sind das meistens abgelesene oder auswändig gelernte Gebete. Und ich habe das selber auch so als Teenager in der evangelischen Kirche erlebt. Der Pastor hat seine Liturgie gelesen. Ich wollte erst „abgespult“ sagen, aber ich habe nachher auch einmal mit einem anderen evangelischen Pastor gesprochen und dem konnte ich abspüren, dass er die Inhalte seiner gelesenen Liturgie ernst nahm, von daher bin ich mit solchen Urteilen vorsichtig geworden.

Die Gefahr des Abspulens ist aber natürlich vorhanden, weil man ja immer die selben Texte liest bzw irgendwann auswändig kann.

Ich weiß noch, wie ich freie Gebete als Jugendlicher kennengelernt habe. Ich kann mich sogar noch an das allererste Mal erinnern. Ich war 15 und besuchte das erste Mal einen christlichen Jugendkreis in Witzhelden, der von einem evangelischen Theologiestudenten geleitet wurde. Nach dem Thema sollten wir die Augen schließen und still zu Gott beten. Mein Kopf war leer und ich wusste nicht, was ich beten sollte. Worüber soll ich mit Gott reden? An das zweite und dritte Mal kann ich mich nicht mehr erinnern, aber diese erste Mal werde ich wohl nicht vergessen.

Dieser Theologiestudent hat dann nachher auch frei gebetet. In diesen Kreis, der einmal im Monat stattfand, bin ich dann weiter hingegangen und habe irgendwann diese Gemeinde hier kennengelernt, als welche von hier als Gastreferenten dort einen Nachmittag gestaltet haben.

Hier im Gottesdienst wurde frei gebetet. Das kannte ich aus Gottesdiensten vorher nicht. Keine Liturgie, freies Gebet, die Lieder waren etwas, wie sag ich's, frischer als in der Kirche, das fand ich toll.

Und damals fand ich, und das finde ich auch heute noch, freies Gebet ehrlicher als abgelesenes oder auswändig gelerntes Gebet. Selbst, wenn dann einer einmal wirklich dummes Zeugs gebetet hat, es war trotzdem irgendwie ehrlicher, weil er sich zumindest kurz Gedanken gemacht hat.

Also, ich möchte betonen, dass das jetzt keine Lehre ist, sondern mein subjektives Empfinden. Und ich finde es auch nicht schlimm, wenn man sich Stichpunkte macht, wenn man weiß, dass man vorne mit der Gemeinde beten soll. Wenn ich z.B. den Gottesdienst moderiere, dann beten wir ja nach dem Wochenspruch zusammen, und für dieses Gebet habe ich mir ein paar Stichpunkte aufgeschrieben, was mir für die Gemeinde und für mich am Wochenspruch wichtig geworden.

Vorbetrachtungen zum Gebet

Aber nun möchte ich mit Euch in die Bibel gucken, was die Bibel über Gebet sagt und in der Bergpredigt spricht Jesus ab Matth 6,5; NGÜ über das Gebet.

(Folie 6)

5 »Und wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler, die sich zum Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken stellen, um von den Leuten gesehen zu werden. Ich sage euch: Sie haben ihren Lohn damit schon erhalten. 6 Wenn du beten willst, geh in dein Zimmer, schließ die Tür, und dann bete zu deinem Vater, der ´auch` im Verborgenen ´gegenwärtig` ist; und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird dich belohnen. 7 Beim Beten sollt ihr nicht leere Worte aneinander reihen wie die Heiden, ´die Gott nicht kennen`. Sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Macht es nicht wie sie, denn euer Vater weiß, was ihr braucht, und zwar schon bevor ihr ihn darum bittet.

Das Gebet ist also nicht für das eigene Ansehen gedacht. Heute kann man in der Gesellschaft mit Beten zwar nicht mehr so punkten, aber es ist klar, was damit gemeint ist.

Ein Gebet macht nur Sinn, wenn es an Gott gerichtet ist. Wenn es zur Angeberei dient, dann ist es sinnlos. Und auch bei dem Lied vom Anfang spielt Gott gar keine Rolle. Er beschreibt letztendlich nur ein Beten, dass ein Aufzählen von Wünschen ist, aber den eigentlichen Adressaten gar nicht im Blick hat.

Gott ist ein Vater, der uns sieht, wenn man Gottes Kind ist. Und die, die Gott nicht kennen, machen beim Gebet nur nutzlose, leere Worte.

Und: Gott, unser Vater, weiß, was wir brauchen, und zwar schon, bevor wir ihn darum bitten.

Mir ist bei der Vorbereitung noch ein weiterer Satz zum Thema Gebet eingefallen.

(Folie 7)

Beten alleine reicht nicht, man muss auch etwas tun!

Diese Satz enthält eine gewisse Weisheit, nicht weil er wahr ist - meiner Ansicht nach ist sogar falsch.

Aber wenn man darüber nachdenkt, warum er falsch ist, dann kommt man zu einem besseren Verständnis, was Gebet eigentlich ist.

Ich habe diesen Satz schon lange nicht mehr gehört. Vor über 20 Jahren wurde der öfter gesagt, wenn man mit anderen über Glauben diskutierte und auf das Thema „Gebet“ kam.

Was für ein Verständnis vom Beten, vom Christsein, steckt hinter diesem Satz? Vielleicht könnte man das so ausdrücken: Christen beten irgendwie, entweder spulen sie Gebete ab, wie so ein Rosenkranz, oder beten sonst in irgend einer Art, egal, aber wenn sie nichts tun, dann passiert auch nichts.

Wenn man nur redet - mit wem auch immer - und nichts tut, passiert auch nichts.

Für die reine Aufzählung von Wünschen, letztendlich von leeren Worten, durch Menschen, die Gott nicht kennen, gilt das auch. Das reicht wirklich nicht, da passiert nichts. Da muss man etwas tun.

Aber wie ist das, wenn man mit Gott, seinem Vater, spricht, wenn ein Gotteskind sich an seinen Vater wendet? Und dieser Vater ist allmächtig. Was passiert dann? Gott wird irgendwie wirken.

Und: Muss man dann auch noch etwas tun? Nein muss man nicht.

Vielleicht wird man etwas tun, aber man muss nichts tun.

(Folie 8)

In Philipper 2, 13; (Luther) steht es schon zusammengefasst.

Denn Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.

Er bewirkt nicht das Müssen und Vollbringen, sondern das Wollen und Vollbringen. Gebet ist auch Begegnung, Kommunikation mit Gott und alleine das verändert einen schon. Aber Gott kann noch mehr, er kann unser Wollen verändern, vom Ego-Trip wegführen.

Und deswegen reicht Beten und man muss nichts tun.

Was sollen wir beten?

Und was sollen wir beten

(Folie 9)

Lukas 11, 1-4; NGÜ

1 Jesus hatte unterwegs Halt gemacht und gebetet. Darauf bat ihn einer seiner Jünger: »Herr, lehre uns beten; auch Johannes hat seine Jünger beten gelehrt.« 2 Jesus sagte zu ihnen: »Wenn ihr betet, dann sprecht: Vater, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. 3 Gib uns jeden Tag, was wir zum Leben brauchen. 4 Und vergib uns unsere Sünden; auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig geworden ist. Und lass uns nicht in Versuchung geraten.«

Ist das das Vater-Unser? Ist eine moderne Übersetzung? Ja, das ist die Neue-Genfer-Übersetzung, die ist zwar modern, aber ziemlich genau. Aber da fehlt doch etwas, oder?

Im Prinzip gibt es zwei Vater-Unser und das ist das kürzere. Ich habe bisher noch nie erlebt, dass dieses Gebet irgendwo gemeinsam gebetet wurde, obwohl es mit: „Wenn ihr betet, dann sprecht“ beginnt.

Ich möchte nun mit Euch gerne einmal beide Vater-Unsers durchgehen und vergleichen, was das so inhaltlich drinnen steht.

(Folie 10)

Vor beiden Gebeten kommt die Anweisung, eben so zu beten. Von daher sind beide Gebete definitiv wichtig für uns.

Der erste Satz ist die Anrede. „Vater“ oder „Unser Vater im Himmel“. Da ist der Unterschied nicht so groß. Dass Gott unser Vater im Himmel ist, sollte jedem Kind Gottes klar sein. Aber vielleicht ist die ausführliche Variante dort angebracht, wo auch Außenstehende zuhören können, damit eindeutig ist, wer gemeint ist.

Dann kommt die erste Bitte:

Dein Name werden geheiligt.

„geheiligt“, was heißt eigentlich „heilig“? Das ist gar nicht so leicht zu definieren. In der Umgangssprache heißt es so etwas wie „unverrückbar“, „unaufgebbar“. Wenn jemand sagt, das ist mir heilig, dann kommt diese Bedeutung so durch.

Das passt schon ein bisschen, denn der Name, unter dem Gott auf die Erde gekommen ist, „Jesus Christus“ ist auch für uns unverrückbar. Dieser Name ist uns heilig.

Aber das ist die vollständige Bedeutung dieses Wortes: Wikipedia definiert das Wort „heilig“ als zur göttliche Sphäre gehörend. In Jesaja 6, 3 wird Gott dreimal „heilig“ genannt. Dann gibt es Stellen wie 3. Mose 11,44a; NL, wo diese Heiligkeit auf Menschen ausgedehnt werden soll:

Denn ich bin der Herr, euer Gott. Heiligt euch und seid heilig, weil ich heilig bin.

Es scheint so zu sein, dass die Ausrichtung auf Gott, die Nähe Gottes, heilig macht, und damit scheint die Definition von Wikipedia tatsächlich richtig zu sein.

Und „Dein Name werde geheiligt“ würde dann ja bedeutet, dass hier auf Erden allen klar werden soll, dass der Name „Jesus Christus“ zur göttlichen Sphäre, zu Gott, gehört.

In früheren Jugendliederbüchern gab es eine Vertonung vom Vater-Unser, bei der die Melodie und Textverteilung eher gehuddelt war, wobei der Autor aber eine interessante Idee hatte.

Vater unser, Vater im Himmel
geheiligt werde dein Name
dein Reich komme, dein Wille geschehe
geheiligt werde dein Name Wie im Himmel, so auch auf Erden, geheiligt werde dein Name
unser täglich Brot, Herr, gib uns heute
geheiligt werde dein Name usw.

Das wollen wir jetzt nicht singen, aber die Aussage finde ich gut. Alles, was wir erbitten und bekommen, soll den Namen „Jesus Christus“ heiligen, soll der ganzen Welt zeigen, dass Jesus Christus von Gott gesandt wurde. Er war nicht nur ein Mensch, er war der Sohn Gottes, er ist auferstanden und er lebt und das soll allen klar werden.

Dein Reich komme

Hier haben wir auch wieder in beiden Versionen eigentlich die gleiche Aussage: „Dein Reich komme!“ Das beinhaltet natürlich, dass Gottes Wille dort geschieht, in seinem Reich. Das ist doch klar: Wo Gottes Reich ist, geschieht auch sein Wille.

Die ausführliche Variante ist wahrscheinlich wieder zur Verdeutlichung oder auch für Außenstehende gedacht.

Das ist auch wieder eine Überschrift für alle folgenden Bitten. Wenn Gottes Reich einzieht, dann bekommen wir Sündenvergebung, unser tägliches Brot und auch Vergebung für den Nächsten wird praktiziert.

(Folie 11)

Das tägliche Brot

Hier sieht man zwischen den Versionen kaum einen Unterschied. Wörtlich steht wohl an beiden Stellen „tägliches Brot“, zumindest steht es so in Übersetzungen wie der Elberfelder. Aber eigentlich ist das tägliche Brot nur ein Bild für das, was wir zum Leben brauchen. Denn ich glaube, dass diese Gebet auch für die Christen gilt, die kein Brot mögen oder es nicht vertragen.

Die Matthäus-Version wird aber in vielen Kirchen liturgisch verwendet und deswegen haben sich die Übersetzer wohl nicht getraut, das tägliche Brot durch eine von der Bedeutung her genauere Übersetzung zu ersetzen.

Aber was heißt das nun?

Gib uns jeden Tag, was wir zum Leben brauchen.

Es gibt in Sprüche 30, 8.9; NL eine interessante Stelle dazu:

8 Bewahre mich davor, andere zu belügen oder zu betrügen. Und lass mich weder arm noch reich werden, sondern gib mir gerade so viel, wie ich brauche. 9 Denn wenn ich reich werde, könnte ich dich verleugnen und sagen: »Wer ist der Herr?« Und wenn ich zu arm bin, könnte ich stehlen und so den heiligen Namen Gottes in den Schmutz ziehen.

Was heißt das für uns? Reich und arm sind relativ. Verglichen mit dem Mittelalter leben wir wie die Könige. Wir haben fließendes Wasser, bequeme Heizung, genug zu essen und viele elektrische Geräte, die uns als zuverlässige Helfer dienen. Dazu haben wir einfachen Zugriff auf das Wissen der Welt per Internet. Das hatte früher noch nicht einmal der reiche Adel.

Andererseits gibt es viele Menschen bei uns, die sich viel weniger als die Mehrheit der Bevölkerung leisten können. Sie können keine kulturellen Veranstaltungen besuchen, sich keinen Urlaub leisten und fühlen sich abgehängt vom Rest der Bevölkerung.

Das deutsche Wort „arm” wird laut Wikipedia von den meisten Sprachforschern auf ein germanisches Wort zurückgeführt, das „vereinsamt, verwaist, verlassen“ bedeutet und das drückt ja genau dieses Abgehängtsein aus.

Ich war zwar selber nicht arm in dem Sinne, dass meine wirtschaftliche Existenz gefährdet wäre, aber ich kann mich an Zeiten als Student erinnern, wo ich in Gemeinschaft mit anderen jungen Erwachsenen es schon erlebt habe, dass die weniger Probleme mit finanziellen Mitteln als ich hatte. Und wenn man dann irgendetwas gemeinsam geplant hat, dann habe ich Sätze wie „50 Mark sind doch nicht viel Geld!“ als unangenehm empfunden. Wenn es Dir heute wirtschaftlich gut geht, dann vergiss bitte nicht solche Zeiten aus Deinem Leben.

Zum Thema Armut in Bezug auf Kirche habe vor ein paar Jahren einmal einen interessanten Artikel in der Zeitung „Die Welt“ gelesen. Dort wurde die wirtschaftliche Situation von Katholiken und Pfingstlern in Lateinamerika verglichen. Und den Pfingstlern ging es im statistischen Mittel wirtschaftlich deutlich besser als den Katholiken. Der Autor des Artikels hat sich das so erklärt, dass den Katholiken gesagt wird, dass man lernen muss, in dieser Armut zufrieden zu sein und dass man im Himmel belohnt wird.

In den Pfingstgemeinden ist die Lehre sehr weit verbreitet, dass Gott hier auf Erden helfen will, etwas ändern will und das er auch für eine materielle Verbesserung sorgen will. Manche Prediger treiben das ja auf die Spitze, in dem sie sagen, dass Gott will, dass alle reich werden. Aber grundsätzlich scheint alleine die Möglichkeit, sich selber wirtschaftlich verbessern zu können, die Menschen in den Pfingstgemeinden anzutreiben und so passiert etwas. Und außerdem glaube ich schon, dass Gott auf Gebete wie „Herr, hilf mir in meiner Armut“ reagiert.

Es gibt dazu einen interessanten Bibelvers:

(Folie 12)

1. Korinther 7, 20.21;

20 Jeder soll die Lebensumstände akzeptieren, in denen er sich befand, als er zum Glauben gerufen wurde. 21 Warst du ein Sklave, als Gott dich rief? Lass dich davon nicht niederdrücken! Wenn sich dir allerdings eine Gelegenheit bietet, die Freiheit zu erlangen, dann mach dankbar davon Gebrauch.

Wenn man das verallgemeinert, heißt das eigentlich: Sei zufrieden mit Deiner Situation, aber nutze Chancen, die sich Dir bieten.

Unzufriedenheit macht einen krank und die Umgebung meistens auch. Man kennt vielleicht Leute, die das Wort „Klage“ auf der Stirn stehen haben, die machen es einem oft schwer.

„Gib uns jeden Tag, was wir zum Leben brauchen.“ Und ich füge einmal eigenmächtig hinzu: Und schenk uns auch die Zufriedenheit dazu. Aber wie gesagt: Chancen, die sich ergeben, darf, soll man nutzen. Das kommt hier so selbstverständlich in diesem Bibeltext herüber.

Und auch das andere Extrem, die Geldgier oder die Besitzgier, ist natürlich auch ungesund. Die Bibel bezeichnet sie als Götzendienst.

„Gib uns jeden Tag, was wir zum Leben brauchen.“

Vergib uns unsere Schuld

(Folie 13)

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir denen vergeben haben, die an uns schuldig wurden.

Hier sind beide Versionen wieder gleich.

Vergebung ist ja schon ein zentraler Punkt in unserem Glauben.

Das kann man nicht trennen.

Zuallererst braucht man natürlich die Erkenntnis, dass man selber Vergebung braucht. Man benötigt Problembewusstsein. Ich mache immer wieder Murks gegen meinen Mitmenschen, Neudeutsch für „Ich bin ein sündiger Mensch“, von daher brauche ich Vergebung durch Gott.

Und vergeben wir selbstverständlich unserem Nächsten? Das wird natürlich dann sehr schwer, wenn der anderen einem wirklich weh getan hat. Banale Dinge kann jeder vergeben, aber schlimme Dinge?

Vergebung ist nicht dasselbe wie „Unter den Teppich kehren“. Zur Vergebung kann es auch gehören, dass man zugibt, dass man verletzt wurde. Man muss Schwäche und Schmerz eingestehen. Oft genug reagiert ein verletzter Mensch so, indem er die Sache abtut: „Is' mir egal! War nicht so schlimm! Reden wir nicht mehr darüber! Usw.“, aber der Klang der gesprochenen Worte entlarvt deren Inhalt als Lüge.

Manchmal wird man ja auch ohne Absicht verletzt. Mir ist das auf der Arbeit einmal passiert, da hat ein Kollege, weil es Probleme mit einer Datenbankabfrage gab, zu einem Meeting eingeladen, und hat als Begründung in die Einladung geschrieben, dass meine Abfrage (er hat mich namentlich erwähnt) daran Schuld wäre. Ich war total sauer, weil das so nicht stimmte und andere Kollegen habe das genauso verstanden wie ich.

Weil diese Einladungs-Mail an viele ging - der Chef war auch eingeladen -, habe ich mich in dem Meeting vor allen deutlich angepisst über diese Mail beschwert. Inzwischen bin ich überzeugt, dass diesee Kollege es nicht böse gemeint hat, er hat sich nur unabsichtlich in der Formulierung vergriffen. Wahrscheinlich war meine Reaktion überzogen, aber er hatte einen meiner wunden Punkte erwischt. Ich habe nichts gegen Kritik, auch nicht gegen öffentliche Kritik, aber ich muss mich zumindest dazu äußern können und das ging in diesem Fall nicht so einfach. Die Mail an viele Leute war draußen und man kann in unserem Mail-System auf Termin-Einladungs-Mails nicht einfach so antworten.

Jeder hat irgendwelche wunden Punkte und das war halt einer von meinen.

Letztendlich ist es gar nicht wichtig, ob der Kollege es unabsichtlich oder vorsätzlich gemacht hat: Vergeben sollte ich ihm in jedem Fall. Für die weitere Zusammenarbeit ist es natürlich schon besser, dass er sich nicht vorstätzlich im Ton vergriffen ist. Nette Kollegen sind ja auch irgendwie angenehmer, und deshalb versuche ich auch ein netter Kollege zu sein.

Vergebung ist ein Thema, dass einen ein Leben lang begleitet und was auch ein Schlüssel für persönliche Freiheit ist. Nachtragend zu sein, bedeutet nämlich, dass man dauernd eine Last jemandem hinterher tragen muss. Und mit so einer Last ist man nicht frei.

Also: „auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig geworden ist.“

Versuchung

(Folie 14)

Hier haben wir wieder Unterschiede in beiden Versionen:

Matthäus 6, 13;

13 Und lass uns nicht in Versuchung geraten, sondern errette uns vor dem Bösen. Denn dir gehört das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Lukas 11, 4b;

Und lass uns nicht in Versuchung geraten.

Die Versuchung scheint eine besondere Gefahr für uns Christen zu sein.

Und interessanterweise steht hier nicht: Und lass uns in der Versuchung widerstehen, sondern: Lass uns gar nicht erst hineinkommen.

Anscheinend ist das Fleisch wirklich schwach, wie es ist Markus 14, 38 steht:

Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet! Der Geist ist willig, aber die menschliche Natur ist schwach.«

In einer Werbung wurde einmal der Spruch gebracht: „Das Schönste an der Versuchung ist das Nachgeben!“ und das ist wohl genau das Problem.

Jeder hat wohl eigene Versuchungen, bei denen er gefährdet ist, ähnlich wie mit den wunden Punkten.

So ein bisschen kann einen dieser Gebetsteil schon ärgern. Wir möchten doch lieber stark sein, mit Christus, allem Bösen und allen Versuchungen vorbildlich widerstehen. Und das passt nicht zu diesem Gebet: „Ich bin schwach, lass mich in manche Situationen bitte gar nicht hineinkommen, wo der Böse sowieso stärker als ich ist.“

Aber es ist leider die Wahrheit.

Der Schluss

Matthäus 6, 13b;

Denn dir gehört das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

In vielen Bibelübersetzungen steht dieser Satz nur in der Fußnote, weil er in den ältesten Quellen fehlt. Allerdings taucht er schon, laut Anmerkung in der Lutherbibel, an Anfang des 2. Jahrhundert in einer Gemeindeordnung auf, wo das Vater-Unser zitiert wurde.

Was soll man von diesem Satz halten? Er stimmt.

Mir fallen aber zwei Wünsche dazu ein. Zum Einen würde ich mich freuen, wenn Gottes Reich, Kraft und Herrlichkeit noch mehr in meinem Leben und in unserer Gemeinde sichtbar oder erkennbar wird. Und zum Anderen würde ich mich freuen, dass ich und das wir es erkennen, wo Gottes Reich, Kraft und Herrlichkeit wirksam sind. Manchmal hat man da ja einfach ein Brett vorm Kopf.

Und nach dem Vater-User?

In Matthäus wird noch einmal die Vergebung hervorgehoben:

14 Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, wird euer Vater im Himmel euch auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, wird euer Vater ´im Himmel` euch eure Verfehlungen auch nicht vergeben.«

und bei Lukas kommt danach das Gleichnis vom Freund in der Nacht, der alleine deshalb, weil er fragt, etwas bekommt. Und deshalb: Beten!

Zusammenfassung

(Folie 15)

Ich komme zum Schluss.