Ein Kerkermeister wird frei.

Gottesdienst, , , Online

Einleitung

(Apostelgeschichte 16, 16-24 wurde vorher gelesen).

(Danach wurde der Blues über den Kerkermeister vorgetragen).

Es geht heute um diesen Menschen aus dem Lied, ein Kerkermeister. Ich benutze bewusst dieses altmodische Wort, weil der damalige Chef vom Gefängnis nicht so richtig mit einem heutigen Gefängnisdirektor oder -aufseher vergleichbar ist. Heutzutage gibt es Vorschriften, wir leben in einem Rechtsstaat, die Gefangenen haben Rechte und man hat das Ziel, Gefangene zu resozialisieren.

Damals, so um das Jahr 50 n.Chr., war das ganz anders. Zum Einen gab es so gut wie keine Freiheitsstrafen, sondern Verdächtige oder Verurteilte wurden eingesperrt, bis sie ihre Strafe empfingen, was z.B. Prügelstrafe, Körperstrafe wie z.B. Abhacken von Gliedmaßen, Pranger oder Todesstrafe war. Manchmal wurden Leute auch so lange eingesperrt, bis sie eine Geldstrafe bezahlt hatten. Und gefoltert wurde auch nicht selten.

Es gab halt auch viel Willkür in der Behandlung der Gefangenen, von daher finde ich das Wort Kerkermeister passender als Gefängnisdirektor oder Gefängnisaufseher. Aber es geht heute um diesen Kerkermeister und der hatte den Blues.

Wir haben ja die Vorgeschichte (Apostelgeschichte 16, 16-24) vorhin gehört, auf die ich gar nicht groß eingehen möchte, wir haben das Lied gehört und nun möchte ich mit Euch betrachten, was wirklich passiert ist.

Geh in das Gefängnis...

25 Gegen Mitternacht beteten Paulus und Silas und lobten Gott mit Liedern. Die übrigen Gefangenen hörten ihnen zu. 26 Plötzlich gab es ein heftiges Erdbeben, und das Gefängnis wurde bis in die Grundmauern erschüttert. Alle Tore sprangen auf und die Ketten sämtlicher Häftlinge fielen ab! 27 Der Gefängnisvorsteher wachte auf und sah die Zellen weit offen stehen. Er nahm an, die Gefangenen seien geflohen; deshalb zog er sein Schwert und wollte sich umbringen. 28 Doch Paulus rief ihm zu: »Tu dir nichts an! Wir sind alle hier!« 29 Da verlangte der Gefängnisvorsteher Licht, lief in das Innere des Gefängnisses und fiel zitternd vor Angst vor Paulus und Silas auf die Knie. 30 Dann führte er sie hinaus und fragte: »Ihr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden?« 31 Sie erwiderten: »Glaube an Jesus, den Herrn, dann wirst du gerettet, zusammen mit allen in deinem Haus.« 32 Dann verkündeten sie ihm und allen, die in seinem Haus lebten, das Wort des Herrn. 33 Noch in derselben Stunde wusch der Gefängnisvorsteher ihnen die Wunden aus, und er und alle Mitglieder seines Hauses wurden getauft. 34 Schließlich brachte er sie zu sich und gab ihnen zu essen. Er und alle in seinem Haus freuten sich, nachdem sie nun zum Glauben an Gott gefunden hatten.

Das hört sich schon etwas unwirklich an: Ein Erdbeben und dabei fallen die Fesseln ab und die Türen gehen auf? Je nachdem, wie alt und marode das Gefängnis war, ist das schon gut möglich. Es gab Risse in der Wand, dadurch lösten sich die Eisen, die die Ketten in der Wand hielten und die Türen sind auch wohl zum Teil aus den Scharnieren herausgebrochen und standen offen, der Traum eines jeden Gefangenen!

Aber die Leute sind nicht abgehauen, warum nicht?

Es ist sowieso seltsam, wie das alles im Gefängnis anfing.

Paulus und Silas beteten und lobten Gott mit Liedern und die übrigen Gefangene hörten ihnen zu.

Das passierte aber erst zu Mitternacht. Ich glaube, das hat die ganz banale Begründung, dass die beiden erstmal die ungerechte Behandlung verarbeiten mussten. Sie wurden ja öffentlich verprügelt und zu Unrecht verhaftet.

Aber beten und fromme Lieder singen im Gefängnis? Da würde man wohl erst einmal Spott von den anderen Gefangenen erwarten. Anscheinend waren Paulus und Silas aber glaubwürdig. Sie haben wohl auch eine Sprache benutzt, die die anderen Gefangenen verstanden haben. Damals wie heute war der Bildungsgrad von Leuten im Gefängnis eher niedrig. Mit frommen Fachbegriffen war da wohl nichts.

Und dann kam dieses Erdbeben. Da hat keiner mit gerechnet. Hin und wieder passieren Dinge, mit denen keiner rechnet. Vielleicht hängt das mit den Gebeten von Paulus' und Silas' zusammen, aber sie werden wohl nicht dafür gebetet haben, dass das Gefängnis einstürzt.

Aber das ist schon eine interessante Frage: Wofür haben sie wohl gebetet?

Es hätte nahegelegen, für die eigene Freilassung zu beten. Sie waren zu Unrecht eingesperrt.

Uns als Deutsche liegt in solchen Situationen ja vielleicht die Aussage „Ich kenne meine Rechte“ auf der Zunge. Ich will hier raus! Das ist alles verständlich und ich glaube, sie waren von diesen Gedanken auch nicht völlig frei, auch wenn sie keine Deutschen waren.

Tatsächlich hatten sie wohl einen weiteren Blick. Warum hat Gott das zugelassen? Ich denke, sie haben nach dieser gewissen Zeit der Verarbeitung ihrer Situation die Menschen um sie herum in den Blick bekommen. Die Frage, warum ist das gerade mir passiert, war nicht mehr wichtig. Sie waren jetzt an diesem Ort und haben Gott gelobt und damit auch bezeugt. Gott loben muss ja nicht unbedingt nur etwas privates sein, sondern man kann auch öffentlich jemanden loben und sie lobten Gott öffentlich. Sie waren nun mal dort in diesem Gefängnis und um sie herum waren Menschen, die ihnen zuhörten.

Wahrscheinlich wäre das schon Grund genug gewesen, diesen demütigenden und schmerzhaften Weg ins Gefängnis zu gehen.

Sich nach dem Warum einer Situation zu fragen, ist nicht grundsätzlich falsch. Reflektieren, analysieren, warum ist das passiert, was passiert ist? Und man darf natürlich auch Gott fragen. Aber man darf dabei nicht stehen bleiben.

Was kann Gott durch mich jetzt hier tun, wo ich gerade bin? Ich bin doch auch jetzt mit Gott unterwegs, in dieser Situation. Wie kann ich hier in seinem Sinne etwas bewegen?

Das Gefängnis wackelt

Aber das ist nicht alles. Dann kommt dieses Erdbeben.

Auf einmal entsteht eine komplett neue Situation. Das Gefängnis ist so beschädigt, dass die Türen offen sind und die Ketten sich von den Wänden gelöst haben. Das Gefängnis ist eigentlich kein Gefängnis mehr.

Manchmal wird man von den Ereignissen überrollt. Man findet sich in Situationen wieder, mit denen man so gar nicht gerechnet hat. Diese Coronazeit ist auch so eine Situation, mit der wohl niemand gerechnet hat.

Der Kerkermeister sieht das und denkt das Offensichtliche: Türen auf, Gefangene weg. Nun waren die Strafen im römischen Reich für Pflichtversagen teilweise sehr hart und er musste mit einer öffentlichen Hinrichtung rechnen. Diesen Schmerz und diese Schande wollte er wohl nicht ertragen und wollte sich daher selber umbringen.

Ich bin froh, dass in unserer Gesellschaft heute solche Fehler nicht mehr so streng bestraft werden und dass man normalerweise eine zweite Chance bekommt.

Allerdings, was hat er denn falsch gemacht? Was konnte er denn für das Erdbeben?

Vielleicht kann man hier auch eine Parallele zur Coronazeit finden. Das Leben wurde unerwartet durchgeschüttelt, Sicherheiten sind auf einmal keine mehr. Viele Menschen haben Angst vor dem wirtschaftlichen Ruin, insbesondere diejenigen, für die es keine Hilfen vom Staat gibt, wie z.B. Soloselbstständige, freie Künstler und Leute mit ähnlichen Tätigkeiten. Für diese gab es bisher nur gute Worte und Hartz IV.

Man kam irgendwie klar und dann war Ende. Man ist halt keine Fluggesellschaft sondern nur ein kleiner Künstler, der nicht mehr auftreten darf, weil man nirgendwo auftreten darf.

Von Gesundheitsstandpunkt war das sicherlich vernünftig, aber warum werden Konzerne und Angestellte unterstützt und Freiberufler und Soloselbstständige von der Politik im Regen stehen gelassen?

Kommen wir zurück zum Kerkermeister. Ich will übrigens nicht gutheißen, wie der seinen Job gemacht hat. Er war sicherlich Kind seiner Zeit und damals ist man Gefangenen mitunter sehr unmenschlich umgegangen, aber das rechtfertigt nicht sein Verhalten.

Ein bisschen können wir uns schon in ihn hineinversetzen. Sein ganzen Leben lag in Trümmern. Ihn erwartete sowieso die Todesstrafe. Und deshalb wollte er sich umbringen. Das ist schon ein ganz besonderer Blues.

Und wie verhalten sich die Gefangenen? Warum hauen die nicht ab? Das ist schwer zu sagen, ich denke, sie sind bei Paulus und Silas geblieben. Das, was die beiden sagten und sangen, hatte die anderen Gefangenen wohl so beeindruckt, dass sie da geblieben sind und nicht abhauten. Wir wissen natürlich nicht, wie sehr die römischen Behörden sowieso hinter entflohenen Häftlingen hinterher waren, aber ich denke schon, dass manch einer der Gefangenen gut hätte fliehen können.

Aber sie waren noch alle da. Und auch Paulus und Silas trugen dem Kerkermeister die Misshandlungen nicht nach und verhindern, dass er sich ins Messer wirft.

Der neue Kerkermeister

Dann verlangt der Kerkermeister ein Licht, um ins Gefängnis hineingehen zu können. Es war halt dunkel im Verlies. Das ist ein schönes Symbol dafür, dass ihm nachher seine eigene Dunkelheit bewusst wird und Hilfe von den Aposteln erbittet.

Er geht hinein und wirft sich vor den beiden nieder, zitternd vor Angst, und sagt zu ihnen: „Ihr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden?“

Von Gefangenen im Verlies werden sie zu „Herren“! Der Kerkermeister sieht, dass diese beiden etwas haben, etwas Göttliches. Dieser Begriff „Herren“ wurde in der griechischen Antike auch benutzt, wenn man davon sprach, dass Götter in menschlicher Gestalt auf die Erde gekommen seien. Dieser Glaube gehörte damals zur griechischen Religion dazu.

Durch diese Wortwahl kann man schon ermessen, wie sich der Kerkermeister gefühlt hat.

Er fragt: „Ihr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ Das heißt, ihm ist klar, dass er Rettung braucht, dass er verloren ist, dass er im Dunkeln lebt.

Und Paulus und Silas antworteten: „Nichts musst du tun, sondern glaube an Jesus Christus, den Herrn. Dann wirst Du gerettet werden.“ Und anscheinend hatten sie gerade auch die Erkenntnis, dass auch die Hausgemeinschaft von dem Kerkermeister mit gerettet wird.

Und erzählten sie ihm und allen, die in seinem Haus lebten, von Jesus. Und diese alle ließen sich dann taufen. Und während Paulus und Silas verkündigten, sieht man schon eine erste Veränderung in dem Kerkermeister. Er versorgte ihre Wunden, er zeigt Mitgefühl. Das fand ich schon immer faszinierend, wenn Menschen sich durch Jesus Christus verändern, wenn Vergebung, Mitgefühl, Nächstenliebe in ein Leben einzieht.

Diese Stelle wird übrigens manchmal als Begründung für die Babytaufe verwendet, aber das passt nicht, weil erst allen, die im Haus lebten, das Wort von Jesus erzählt wurde und dann diese getauft wurden. Säuglingen kann man da wohl noch nichts erzählen.

Und am Ende freuen sich alle in seinem Haus, nachdem sie zum Glauben an Gott gefunden haben.

Man kann also sagen: Happy End oder besser: Happy beginning.

Sicherlich wäre es interessant zu sehen, ob und wie der Kerkermeister sich in der folgenden Zeit im Umgang mit den Gefangenen verändert. Wie geht er z.B. schwierigen Gefangenen um? Die Beschreibung es nachfolgenden Alltags von jedem, der in der Apostelgeschichte Jesus gefunden hat, hätte sicherlich den Rahmen dieses Bibelbuches gesprengt. Aber ich bin sicher, dass bei ihm und seinen Leuten ein Veränderungsprozess in Gang gekommen ist. Wir können in den Briefen in der Bibel ja noch mehr darüber lesen, wie Menschen mit Jesus unterwegs das Leben bewältigen.

Was immer auch Dein Leben unerwartet durchrüttelt, die Chance mit Jesus Christus neu zu anfangen oder wieder neu einzusteigen, die ist natürlich immer da.

Und lasst uns dafür beten, in solchen Situationen wie Paulus und Silas bereit zu sein, von Jesus zu erzählen, auch wenn die Begleitumstände sehr unerfreulich sind.

Zusammenfassung

Ich fasse zusammen.