Is' doch klar

Gottesdienst, , , Evangelisch-freikirchliche Gemeinde Leichlingen

Einleitung

Ich möchte heute an eine vergangene Predigt vor einem halben Jahr wieder anknüpfen und möchte dazu ein Erlebnis an den Anfang stellen.

Die vergangene Woche war arbeitsmäßig sehr hart für mich. Ich war am Dienstag über 10 Stunden in der Firma, die anderen Tage auch mehr als üblich, und am Donnerstag war ich sogar von halb 8 bis viertel nach 7 in der Firma.

Mit einem Kollegen zusammen, der auch über 11 Stunden an dem Donnerstag da war, haben wir eine neue Version unseres Softwarepakets freigegeben und dazu gehören auch einige Programme, die dauerhaft auf Servern laufen. Dabei haben wir leider vergessen, einige dieser Programmdienste zu aktualisieren und neu zu starten, und das hätte ernste Folgen haben können. Wir haben vergessen, eine Abschlußkontrolle zu machen. Allerdings ist noch einmal alles gutgegegangen.

Es war ein richtig blöder vermeidbarer Fehler. Und was liegt einem auf der Zunge, wenn man so etwas hört?

„Is doch klar!“, daß man Fehler macht, wenn man erschöpft, müde und zu lange auf der Arbeit ist.

Diesmal habe ich mir das „Is' doch klar!“ selber gesagt, aber oft genug sind es andere und irgendwie nervt es einen.

Is-doch-klar-Menschen

Diese „Is-doch-klar-Menschen“, von denen hatte ich ja schon einmal erzählt, treten besonders dann auf, wenn der Fehler richtig blöde war, den man gemacht hat. Und gerade dann fürchtet man sich vor ihnen.

Ein paar weitere Beispiele dazu aus meinem Leben: Wir haben unser Haus ja auf einen vorhandenen Keller gebaut, der halb aus der Erde guckt und vorher mußten wir die Kellerwand freilegen und isolieren. Das ging teilweise bis zu zwei Meter tief. Wir haben uns einen Bagger geliehen und ausgeschachtet. Ich hatte auch Folie über die Hänge gelegt. Dann hat es geregnet und was ist passiert: Ist doch klar, es ist teilweise wieder eingestürzt. Ich habe dann nachher viel geschippt und dann mit alten Brettern und Schaltafeln abgestützt und hatte auch viel Hilfe.

Oder die Geschichte, die ich vor einem halben Jahr erzählt habe: Ich hatte Türrahmen mit Bauschaum eingesetzt und nichts in den Türrahmen hineingeklemmt. Und was ist passiert: Ist doch klar, der Schaum dehnt sich aus und die Tür paßte dann nicht mehr. So mußte ich halt alles noch einmal auskratzen und neuverschäumen.

Nicht jeder Fehler zieht „Is-doch-klar-Menschen“ an, sondern es sind die blöden Fehler und insbesondere die richtig blöden Fehler. Und oft behalten wir diese blöden Fehler auch deshalb für uns, weil dieses „Is doch klar!“ extrem nervig ist und so wird auch die Gemeinschaft, das gemeinsame Tragen von Problemen, oft blockiert.

Selbstverständlich sollte man nicht lernresistent sein, und blöde Fehler gezielt mit dem Ausspruch „Ich bin halt so“ wiederholen, oder generell Beratung ablehnen, weil man selbst die Welt sowieso vollständig verstanden hat.

Aber selbst, wenn man beratungswillig und lernbereit ist, wird man auch immer wieder blöde Fehler machen. Das ist halt so.

Wie gehen wir damit um? Ich lese dazu aus Matthäus 7, 1-5; NGÜ

1 »Verurteilt niemand, damit auch ihr nicht verurteilt werdet. 2 Denn so, wie ihr über andere urteilt, werdet ihr selbst beurteilt werden, und mit dem Maß, das ihr bei anderen anlegt, werdet ihr selbst gemessen werden. 3 Wie kommt es, dass du den Splitter im Auge deines Bruders siehst, aber den Balken in deinem eigenen Auge nicht bemerkst? 4 Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: ›Halt still! Ich will dir den Splitter aus dem Auge ziehen‹ – und dabei sitzt ein Balken in deinem eigenen Auge? 5 Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem eigenen Auge; dann wirst du klar sehen und kannst den Splitter aus dem Auge deines Bruders ziehen.«

Worum geht es hier? Um Sünde, um blöde Fehler?

Spätestens jetzt sollte klar sein, daß die „Is-doch-klar“-Menschen keine Aliens sind, die sich hierher beamen, wenn ein blöder Fehler passiert, sondern die „Is-doch-klar“-Menschen, das sind ich und du. Ich nenne mich hier zuerst, denn „Is-doch-klar“-Menschen sind doch irgendwie Esel.

Betrachten wir doch mal den Text und fragen uns: Wann und warum verurteilen wir andere? Was sind die Splitter, die wir in den Augen der anderen anmosern?

Das erste, was bei diesem Text ins Auge springt, ist der Anfang „Verurteilt niemand“, eine sehr weitgehende Aussage. Was ist also mit Sätzen wie „Mit dem bin ich fertig“ oder „Mit dem will ich nichts mehr zu tun haben“?

Hier begibt man sich irgendwie auf eine Gradwanderung. Natürlich gibt es Beziehungen, die ungesund für einen sein können, und wo man aus Selbstschutz auf Distanz gehen sollte oder gar den Kontakt ganz abbrechen sollte. Aber es gibt oft genug den Fall, wo wir Menschen verurteilen, sie leichtfertig einstufen, kategorisieren und damit ein Urteil fällen.

Man muß hier natürlich auch zwischen konstruktiver, liebervoller Kritik und „verurteilen“ unterscheiden. Man will ja auch dazu lernen und dazu gehört auch, konstruktive Kritik sich anzuhören.

Man hat hier also am Anfang schon drei Spannungsfelder:

Die vierte Lösung, dem anderen gegenüber völlig gleichgültig zu sein, ist auch irgendwie nicht richtig.

Aber hier gilt ein wichtiges Prinzip der Bibel, was Jesus uns gesagt hat (Matthäus 7, 12; NGÜ):

»Handelt den Menschen gegenüber in allem so, wie ihr es von ihnen euch gegenüber erwartet. Das ist es, was das Gesetz und die Propheten fordern.«

Wir wollen nicht verurteilt werden und wir wollen konstruktiv und liebevoll kritisiert werden, zumindest manchmal, nicht zu oft. Auf alle Fälle wollen wir nicht, daß die Leute uns nur nach dem Munde reden, oder doch?

Aber auch wenn wir uns sagen: „Verurteilen, das mache ich als Christ nicht. Ich bin nur konstruktiv!“ warnt uns der zweite Satz im Bibeltext von vorhin:

Denn so, wie ihr über andere urteilt, werdet ihr selbst beurteilt werden, und mit dem Maß, das ihr bei anderen anlegt, werdet ihr selbst gemessen werden.

Das ist natürlich die Begründung für die Warnung einer Verurteilung anderer, aber das gilt auch allgemein. Wenn wir die Unarten und Fehler anderer streng beurteilen, dann werden auch wir streng beurteilt. Das gilt ja auch schon im Alltag. Wer sich streng und genau aufführt, der steht auch selbst unter besonderer Beobachtung seiner Umwelt, und macht sich bei eigenen Fehlern ganz besonders zum Affen.

Und hier sind auch wieder bei den oder vielleicht besser gesagt: bei uns „Is-doch-klar“-Menschen. Wie geduldig sind wir mit den blöden Fehlern der anderen? Wir machen doch alle auch einmal selbst welche, die uns peinlich sind, von daher sind wir doch barmherzig mit den blöden Fehlern von anderen.

Anscheinend hat der natürliche Mensch diese Fehlerbarmherzigkeit häufig nicht sehr stark ausgeprägt. Ich möchte euch die Verse danach, 3 bis 5, noch einmal vorlesen und achtet einmal darauf, wie sie auf euch wirken.

3 Wie kommt es, dass du den Splitter im Auge deines Bruders siehst, aber den Balken in deinem eigenen Auge nicht bemerkst? 4 Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: ›Halt still! Ich will dir den Splitter aus dem Auge ziehen‹ – und dabei sitzt ein Balken in deinem eigenen Auge? 5 Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem eigenen Auge; dann wirst du klar sehen und kannst den Splitter aus dem Auge deines Bruders ziehen.«

Das klingt sehr unhöflich und das wären auch nicht meine Worte. Ich würde mich eher so ausdrücken:

„Also, wenn ihr einmal seht, daß bei eurem Bruder oder eure Schwester etwas nicht stimmt, dann seid vorsichtig mit eurer Zurechtweisung. Vielleicht stimmt ja bei euch manches auch nicht und das kommt dann nicht so gut.“

Ich denke, die meisten von Euch würden sich ähnlich ausdrücken.

Warum wirkt Jesus hier in unseren Ohren, ich drücke es mal so aus, so scharf, so pauschal, so anklagend? Waren die Zuhörer damals während der Bergpredigt, zu der ja dieser Bibeltext gehört, so unsensible, überhebliche Trottel? Oder trifft diese Aussage einfach nahezu auf jeden Menschen zu, also auch auf dich und mich?

Wie gehen wir mit den Splittern der anderen um, mit den blöden Fehlern, den Unarten, den vielleicht dämlichen Ansichten? Sehen wir wirklich so klar, ist wirklich alles so offensichtlich, daß uns ein Urteil zusteht?

Was ist denn der Balken in unserem Auge, der uns an der klaren Sicht hindert?

Mir fiel dazu ein alten Witz ein, daß man jemanden bittet, beide Hände an seinen Ohren vorbeizubewegen und ihn dann fragt, ob er was spüre. Der andere verneint natürlich, worauf er als Antwort erhält, daß er dann das Brett vorm Kopf wohl hochkant trägt.

Die Redensart „Brett vorm Kopf“ kommt aber laut wiktionary.org daher, daß man früher Zugochsen mit Brettern die Sicht genommen hat, um sie zu bändigen. Wenn man nicht das offensichtliche sieht, dann hat man halt ein Brett vorm Kopf.

Aber nun zurück zu dem Balken: Was ist der Balken? Er ist natürlich ein Kontrast zum Splitter und viel gravierender, schwergewichtiger. Ich glaube nicht, daß man selber immer schlimmer als der andere ist, sondern daß meine Splitter in meinem Auge für mich so wie ein Balken sein sollen.

Unsere Unarten, unsere Vorurteile, unsere Mitleidslosigkeiten, unsere Lernresistenz, unser Unwillen, mit den Augen des anderen zu sehen, und auch natürlich unsere blöden Fehler machen den Balken aus.

Bei einem Brett vor Kopf, ist man kurzzeitig blockiert und man ist es schnell wieder los, dieser Balken ist ein selbstgewähltes Dauerbrett, oder kann ein selbstgewähltes Dauerbrett sein, daß uns blockiert und daß uns oft den Blick auf den anderen verzerrt. Dieses Dauerbrett loszuwerden kann schmerzhaft sein, weil wir uns auf einmal so sehen, wie Gott uns sieht und wo nichts beschönigt wird. Dann wird aus „Ich bin halt so“ ein „Gott muß mich verändern“.

Das ist natürlich ein Prozeß und es kann passieren, daß man sich im Laufe des Lebens neue Vorurteile und Unarten zulegt und das Dauerbrett vor seinem Kopf wieder erneuert. Und so kommt man hin und wieder neu an den Punkt, wo man das neue Brett wieder wegreißen muß.

Es ist natürlich sehr schwer, den anderen auf seinen Balken hinzuweisen, denn dann hat man ja wieder das eigene Balken-Splitter-Problem, es ist trotzdem ein ernstes Thema.

Jesus sagt hier in V. 5 „Du Heuchler“. Ich zitiere dieses Wort hier jetzt nur, denn ich würde mich nicht trauen, so etwas als mein eigene Beurteilung zu sagen. Das ist ein Urteil, daß nur Jesus Christus fällen kann, und ich glaube zu verstehen, warum er das Balken-Splitter-Problem so ernst nimmt.

Wenn man an seinem Balken nicht arbeitet, dann wird er immer größer und bestimmender. Unsere Unarten, unsere Vorurteile, unsere Lernresistenz und unser Unwillen, mit den Augen der anderen zu sehen, wird immer schlimmer und auch immer schlimmer für unsere Umgebung. Das endet dann in einem einsamen Lebensabend als schwieriger, alter Mensch. Und ein Zeugnis für Jesus Christus ist man dann auch nicht mehr so richtig.

Von daher sollten wir an unserem persönlichen Balkenproblem wirklich mit Jesu Hilfe arbeiten.

Ich habe jetzt dieses, leichtfertige, „Ist-doch-klar“-Reden mit diesem Bibeltext von Jesus über den Splitter und Balken in Verbindung gebracht, aber es gibt auch Gelegenheiten, wo diese Aussage „Is' doch klar!“ anders gemeint sein kann.

„Is doch klar“ im Leben eines Christen

Jemand sieht das Leben, das Handeln eines Menschen und denkt sich: „Is doch klar, der ist ein Christ!“

Das klingt jetzt so ein bißchen zweischneidig. Meint man mit so einem Satz „Das ist ein weltfremder Vollpfosten“ oder meint man damit “Wow, echt vorbildlich“?

Inwieweit wird die Sicht von Glaubensdistanzierten durch Vorurteile bestimmt? Ich habe auch schon Teilnehmern der Jugend gehört, daß ihnen Vorurteile begegnet sind, z.B. das Christen ja immer nur in der Bibel lesen und nichts anderes machen würden.

Uns sind vielleicht auch schon Vorurteile begegnet. Aber manchmal frag ich mich, ob wir wirklich von Vorurteilen wissen, oder ob wir glauben, die Vorurteile von Glaubensdistanzierten zu kennen. Mir persönlich sind bisher erstaunlich wenig Vorurteile begegnet und wir müssen aufpassen, daß wir keine Vorurteile über die Vorurteile anderer uns gegenüber pflegen. Dazu gehört auch, daß wir erlebte Vorurteile nicht auf alle glaubensdistanzierten Menschen verallgemeinern.

Aber natürlich, wenn einem Vorurteile begegnen, dann hat man schon ein Interesse daran, sie abzubauen. Man muß aber aufpassen, daß man dabei nicht merkwürdig wird, und zwanghaft der Welt verkünden will, daß ein Christ auch Spaß haben kann.

Vielleicht vertue ich mich, aber ich glaube, daß es gar nicht mehr so viele Vorurteile über uns gibt, sondern daß immer mehr Menschen in der heutigen Welt sich nicht für Glauben interessieren und sich daher gar nichts über Leute, die an Jesus glauben, denken.

Wie sollte nun die Strategie von Menschen sein, die an Jesus glauben, in Bezug auf das, was die anderen von ihnen denken?

Ich möchte dazu Johannes 13, 34.35; NGÜ lesen, wo Jesus Christus sagt:

34 Ich gebe euch ein neues Gebot: Liebt einander! Ihr sollt einander lieben, wie ich euch geliebt habe. 35 An eurer Liebe zueinander werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid.

Offensichtlich möchte Jesus schon, daß die andere Menschen Christen als Christen erkennen. Und dabei geht es nicht um Öffentlichkeitsarbeit oder um gesellschaftliches Engagement, was natürlich nicht verkehrt ist, das ist klar.

Aber die zentrale Botschaft ist die Liebe untereinander. Daran wird man erkennen - und „man“ heißt „alle“ -, daß eine Gemeinde nicht nur irgendein Verein ist, sondern daß die Menschen darin zu Jesus Christus gehören.

Was heißt denn, Liebe zu leben? Da kann man eine eigene Predigt darüber halten und merkt dabei ziemlich drastisch, daß man schnell an seine Grenzen kommt.

Für einander da sein, manche Sonderbarkeiten akzeptieren, Mitgefühl mit den Problemen des anderen, Zeit für den andern zu haben, Vergeben und Versöhnen zu können, versuchen zu verstehen, warum der andere so tickt, wie er tickt, wären so einige Hinweise dazu. Letzendlich heißt das, seinen Balken vor den Augen, also das Dauerbrett, versuchen zu entfernen, damit man den anderen so sehen kann, wie Jesus ihn sieht.

Das ist, glaube ich, das allerbeste Zeugnis.

Zusammenfassung

Ich komme zum Schluß.

Wir haben die „Is-doch-klar“-Menschen betrachtet. Sie tauchen bei blöden Fehlern auf und nerven, aber leider sind wir es oft selber.

Andere zu verurteilen ist schlecht, denn wir werden mit dem Maß gemessen werden, mit dem wir selber messen. Dabei gilt das Prinzip, daß wir anderen gegenüber in allem so handeln sollen, wie wir es von ihnen uns gegenüber erwarten oder sogar wünschen.

Dann hat Jesus uns eindeutig aufgefordert, den Balken vor unseren Augen, also dieses Dauerbrett vorm Kopf, zu entfernen, ja, das scheint sogar ein Problem zu sein, an dem wir alle zu tragen haben. Für Jesus Christus scheint das sehr wichtig zu sein.

Dann haben wir noch überlegt, wann man „Is doch klar“ zu dem Leben eines Christen sagen kann.

Wir verweilten kurz bei Vorurteilen, um dann den Vers zu betrachten, in dem die Liebe untereinander als das Hauptkriterium für das Erkennen von Menschen als Christen genannt wird.

Dazu gehört natürlich das Entfernen des Balkens vor unseren Augen.