Wersbach, Leichlingen, 30.6.2002

Hebräer 1, 1-3

Ich möchte heute über das erste Kapitel aus einem Buch der Bibel zu Ihnen sprechen, das sich „Der Brief an die Hebräer“ nennt.

„Hebräer“ ? Da stellt sich schon direkt die erste Frage, was das mit uns zu tun hat, wo wir doch keine Hebräer sind. Die Hebräer von damals und wir Deutschen heute haben aber eine Sache gemeinsam, nämlich, daß wir von Jesus Christus schon gehört haben, aber nicht so richtig wissen, was das mit unserem Leben zu tun hat.
Den meisten von uns hier ist Jesus im Laufe ihres Lebens immer mal wieder bei besonderen Anlässen begegnet (Konfirmation, Kommunion, Hochzeit), aber im übrigen Leben spielt er zumeist keine Rolle.
Die meisten Hebräer früher hatten von Jesu Leben und Taten gehört und viele fanden es auch sicherlich irgendwie beeindruckend – allerdings hatte die jüdische Obrigkeit vor Jesus gewarnt – aber in ihrem Leben spielte Jesus auch keine Rolle.

Wer ist Jesus Christus nun wirklich?

Ich lese nun die ersten drei Verse aus diesem „Hebräerbrief“:

1 Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Propheten, 2 hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohn (damit ist Jesus Christus gemeint), den er zum Erben aller Dinge eingesetzt hat, durch den er auch die Welten gemacht hat; 3 er, der Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und Abdruck seines Wesens ist und alle Dinge durch das Wort seiner Macht trägt, hat sich zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt, nachdem er die Reinigung von den Sünden bewirkt hat;

Ich möchte diesen Abschnitt etwas genauer betrachten:

Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Propheten

Hier ist eine Sache beschrieben, die die damaligen Hebräer uns gegenüber voraushaben. Sie haben oft erlebt, daß Gott durch bestimmte Leute gesprochen hat. Er hat dem damaligen Volk Israel durch Propheten Trost, Hilfen, aber auch Warnungen und Gerichtsbotschaften zukommen lassen. Ebenso wurden durch die Propheten Zukunftsprophezeiungen ausgesprochen, langfristige und kurzfristige, bei denen Israel erleben durfte, daß sie eingetroffen sind. Diese Erlebnisse sind im alten Testament der Bibel festgehalten und eigentlich waren alle Israeliten damals davon überzeugt, daß Gott, wie er im alten Testaments beschrieben wurde, wirklich existiert. Viele haben es allerdings nur für wahr gehalten, aber nicht unbedingt danach gelebt.

hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohn

Mit „Sohn“ ist Jesus Christus gemeint, der in der Bibel an verschiedenen Stellen als Gottes Sohn bezeichnet wird. Der Ausdruck „am Ende dieser Tage hört sich etwas eigenartig an. Anscheinend ist die Epoche zu Ende gegangen, in der Gott durch Propheten gesprochen hat. Nun hat Gott in Jesus geredet.

Über Jesus werden danach noch weitere eigenartige Dinge gesagt:

„den er zum Erben aller Dinge eingesetzt hat, durch den er auch die Welten gemacht hat; er, der Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und Abdruck seines Wesens ist und alle Dinge durch das Wort seiner Macht trägt

Ich möchte erst einmal eine bestimmte Aussage davon herausgreifen:

er, der Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und Abdruck seines Wesens ist

Jesus war die Ausstrahlung von Gottes Herrlichkeit und der Abdruck von Gottes Wesen. Das heißt, wenn man wissen will, wie Gott ist, dann muß man sich anschauen, wie Jesus als Mensch hier gelebt hat.

Aber wer will heutzutage wissen, wie Gott wirklich ist? Wollen Sie das wissen, interessiert es Sie wirklich?

Ich habe so den Eindruck, daß die meisten Menschen mit der Erkenntnis zufrieden sind, daß es irgendwie ein höheres Wesen gibt. „Ich glaube auch an einen Herrgott“ ist so eine häufige Aussage. Und da es auch andere Religionen gibt, die an einen Gott glauben – wie zum Beispiel der Islam –, ist man dann natürlich schnell der Meinung, daß sowieso alle an denselben glauben und daß es ja sowieso völlig egal, an was man glaubt, Hauptsache, man glaubt irgendwas. Das die Götter von verschiedenen Religionen gar nicht die selben sein können, weil sie sich fundamental unterscheiden, das scheint heute niemanden mehr zu interessieren. Zum Beispiel ist der Gott, der in der Bibel beschrieben wird, ganz klar ein ganz anderer, wie der, der im Koran beschrieben wird. Aber Religionen bzw. Glaubensrichtungen miteinander zu vergleichen ist heute verpönt, weil eine dabei ja schlechter weg kommen könnte. Die Frage, was wirklich wahr ist, ist heute noch mehr verpönt. Wer kann behaupten, daß er weiß, was wahr ist?

Das Problem ist übrigens nicht wirklich neu. Damals haben einige jüdischen Gelehrte, insbesondere die Pharisäer und Schriftgelehrten, für sich in Anspruch genommen, festlegen zu dürfen, wie Gott ist. Nun gab es ja damals schon das alte Testament, wo beschrieben war, wie Gott ist und was sein Wille ist. Aber das hat diesen Gelehrten nicht gereicht und sie haben massiv Verbote hinzugefügt, so daß das Leben der damaligen Israeliten teilweise ziemlich eingeengt wurde. Dadurch bekamen auch viele Israeliten ein falsches Bild von Gott.

Damals wurde von Menschen ein zu hartes Bild von Gott entworfen, heutzutage hat man eher ein diffuses, unbestimmtes Bild von Gott.
Durch die ganze Menschheitsgeschichte zieht sich dieses Prinzip, daß der Mensch sich Gott nach seinem Bilde schafft. Er macht sich Gott so, wie er es selber will.

Aber wie kann man die Wahrheit herausfinden?

„Jesus, der Ausstrahlung von Gottes Herrlichkeit und Abdruck von Gottes Wesen ist“

Ein Grund, warum Jesus hier auf der Erde war, war eben, damit der Mensch erfahren kann, wie Gott wirklich ist.

Und um Gottes Wesen ein bißchen darzustellen, möchte ich eine Episode mit Jesus, von den vielen, die in der Bibel beschrieben sind, mit Ihnen betrachten.
Sie kennen sie vielleicht:

Joh. 8, 2-11;

2 Frühmorgens aber kam er (Jesus) wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm; und er setzte sich und lehrte sie. 3 Die Schriftgelehrten und die Pharisäer aber bringen eine Frau, die beim Ehebruch ergriffen worden war, und stellen sie in die Mitte 4 und sagen zu ihm: Lehrer, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. 5 In dem Gesetz aber hat uns Mose geboten, solche zu steinigen. Du nun, was sagst du?

Nun muß man wissen, daß laut dem Gesetz auch der beteiligte Mann mit gesteinigt werden müßte, und da sie auf frischer Tat ertappt wurde, hat man den Mann wohl auch mit ertappt. Aber den ließ man anscheinend laufen. Das scheint typisches Männerdenken zu sein: Der Mann kann ja auch nichts dafür, die böse Frau hat den armen, unschuldigen Mann verführt.

Bei dieser Szene überkommt den modernen Menschen oft der Zorn. Man denkt sich: „Diese Heuchler und die arme Frau. Wie unfair!“ Außerdem, war das überhaupt so schlimm? Ein Ehebruch oder moderner: Seitensprung ist doch Privatsache, das geht doch niemanden etwas an.

Wie wird Jesus darauf reagieren?

„6 Dies aber sagten sie, ihn (Jesus) zu versuchen, damit sie etwas hätten, um ihn anzuklagen. Jesus aber bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7 Als sie aber fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe zuerst den Stein auf sie. 8 Und wieder bückte er sich nieder und schrieb auf die Erde. 9 Als sie aber [dies] hörten, gingen sie einer nach dem anderen hinaus, angefangen von den Ältesten; und er wurde allein gelassen mit der Frau, die in der Mitte stand.

Das war eine Klasse-Antwort. Die freut den modernen Menschen. Die sollen sich mal nicht so haben, die haben sicherlich auch ihre Leichen im Keller. Wir haben doch alle irgendwas ausgefressen, da wollen wir doch mal nicht so sein.

Jesus hat zwar vielleicht nie gesündigt, aber er scheint ja Verständnis für uns zu haben und wenn Gott genauso wie Jesus ist, dann ist ja alles in Ordnung, oder?

Aber der Text geht noch weiter:

10 Jesus aber richtete sich auf und sprach zu ihr: Frau, wo sind jene? Hat niemand dich verurteilt? 11 Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach zu ihr: So verurteile auch ich dich nicht. Geh hin und sündige nicht mehr!

Das ist ja ein tolles Ende. Wenn nur dieser letzte Satz nicht wäre. Der ist ein richtiges Ärgernis für den modernen Menschen. Anders ausgedrückt bedeutet dieser Satz:

„Du hast falsch gehandelt und ich befehle Dir jetzt, Dein Leben zu ändern, und nicht mehr falsch zu handeln.“

Ich habe es vielleicht etwas überspitzt ausgedrückt, aber letztendlich ist die Aussage „Geh hin und sündige nicht mehr!“ so ein Befehl: „Du hast gesündigt. Laß das in Zukunft. Ändere Dein Leben.“

Und er sagt damit auch, daß Ehebruch – oder moderner: Seitensprung – eine Sünde ist, die man lassen soll. Diese Aussage ist mit Sicherheit ein Ärgernis für viele.

Zusammenfassend kann man zu dieser Episode mit der Ehebrecherin sagen, daß Jesus Menschen liebe- und verständnisvoll begegnet – wie eben auch der Ehebrecherin –, andererseits nennt er bestimmte Verhaltensweisen Sünde und verlangt, daß man sie läßt.

Aus diesem allen folgt, daß, wenn Jesus Ausstrahlung von Gottes Herrlichkeit und der Abdruck von Gottes Wesen ist, dann auch für Gott bedeutet, daß er einerseits uns mit Liebe und Verständnis begegnet, aber andererseits bestimmte Verhaltensweisen als Sünde bezeichnet und ablehnt und will, daß wir uns ändern.

Ich möchte nun zu dem Ursprungstext zurückkehren und den gesamten restlichen Text betrachten:

„2 hat er (Gott) am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohn (Jesus), den er zum Erben aller Dinge eingesetzt hat, durch den er auch die Welten gemacht hat; 3 er, der Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und Abdruck seines Wesens ist und alle Dinge durch das Wort seiner Macht trägt, hat sich zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt, nachdem er die Reinigung von den Sünden bewirkt hat;

Die Aussagen wie: „Erben aller Dinge“, „er hat die Welten gemacht“, „trägt alle Dinge durch das Wort seiner Macht“, „sitzt zur Rechten der Majestät“ möchte ich aus Zeitgründen nur kurz ansprechen. Offensichtlich ist Jesus nicht nur der Mensch Jesus. Er hat schon vorher existiert, bei der Erschaffung des Universums mitgewirkt und sorgt dafür, daß das Universum weiter existiert. Diese Aussagen sind sehr wichtig, haben aber mit unserer erlebten, irdischen Wirklichkeit erstmal nicht so viel zu tun und man kann sie erstmal so hinnehmen.

Aber ich möchte noch auf die Aussage „hat sich zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt, nachdem er die Reinigung von den Sünden bewirkt hat;“ genauer eingehen.

Wir haben vorhin schon davon gehört, daß Jesus die Menschen liebt und die Sünde ablehnt. Nun steht hier, daß „er die Reinigung von den Sünden bewirkt hat.

Ich glaube, ein wichtiger Grund dafür, warum sich der moderne Mensch über die Aussage „Geh hin und sündige nicht mehr!“ ärgert, ist die Tatsache, daß er sich nicht so einfach ändern kann. Manche Dinge kann man wohl lassen, aber bei anderen Dingen hat die Sünde einen fest im Griff. Vielleicht hat die Ehebrecherin auch gedacht: Was soll ich nur machen, ich kann doch nicht anders!

Aber Jesus hat die Reinigung von den Sünden bewirkt und nun ist es für jeden, der diese Reinigung für sich annimmt, möglich, sein Leben wirklich zu ändern.

Dazu gehört aber auch der andere Teil der Aussage: „Jesus hat sich zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt“. Er ist Herrscher. Und das gehört dazu. Die Reinigung von den Sünden gehört mit der Annahme der Herrschaft von Jesus über das eigene Leben untrennbar zusammen.

AMEN