Gottesdienst

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Einleitung

Das ist jetzt schon unser fünfter Online-Gottesdienst. Es fühlt sich noch immer seltsam an und es ist nicht ganz leicht, von jetzt auf gleich den Gottesdienst ins Internet zu verschieben.

Manche Gemeinden machen den Gottesdienst wie immer und filmen ihn nur. Große Gemeinden haben sowieso schon das ganze Equipment und filmen mit mehreren Kameras und haben ein Videomischpult, um immer mal die Perspektive zu wechseln.

Wir haben jetzt nur eine Kamera und schon ein bisschen Erfahrung gesammelt, aber fertig sind wir noch lange nicht und wir wissen ja auch nicht, wie lange der normale, analoge Präsenzgottesdienst verboten bleibt.

Dazu gibt es das Risiko der Bandbreite. Wenn jetzt hier alle Nachbarn um 11:00 anfangen, Netflix zu gucken, dann kann das schon etwas hakelig werden. Das gilt natürlich auch Euch zu Hause. Man weiß ja gar nicht, wieviel Internetnutzer sich welche Leitungen teilen müssen. Vielleicht muss man die Kinder zum Spielen in den Garten schicken, um sich den Gottesdienst anschauen zu können.

Das Hauptproblem ist, glaube ich, dass ein Online-Gottesdienst eigentlich auch der Aufmerksamkeitsökonomie unterworfen ist. Wenn er nicht gefällt, dann kann fast auf Knopfdruck „Fupp“ woanders hinwechseln. Oder man hat noch ein weiteres Endgerät am Platz, wo man mit dem zweiten Auge draufschaut, zusätzlich chattet man noch auf WhatsApp.

Vielleicht hilft ein Tusch nach jedem guten Gedanken und dann hat man wieder die Aufmerksamkeit der Zuschauer.

Bei mir ist es auch oft so, dass ich bei einem Fernsehfilm, der mich nicht vollkommen fesselt, das Tablet in die Hand nehme und parallel etwas über die Schauspieler lese, oder wenn ich den Film noch gar nicht kenne und er suspekt wirkt, bei Wikipedia zumindest mal den Anfang der Inhaltsangabe überfliege, um zu sehen, ob sich der Film überhaupt lohnt.

Also, ihr müsst jetzt nicht bei Wikipedia über unsere Gemeinde nachforschen, ich glaube, die hat noch keinen eigenen Artikel.

Was macht denn einen lohnenden Gottesdienst überhaupt aus?

Content is king

Ich habe vorhin schon diesen Spruch aus der Web-Entwicklung, also aus der Erstellung von Homepages, genannt:

Content ist king (sinngemäß: Der Inhalt ist das Höchste, das Allerhöchste).

Im Internet ist es ja wichtig, was bei einer Suche als erstes erscheint. Die dritte, vierte Seite ist schon völlig uninteressant. Und in der Anfangszeit des Internets hat man mit vielen Tricks versucht, die Suchmaschinenanbieter, Google als wichtigsten hier genannt, auszutricksen, damit die eigene Seite ganz nach vorne kommt.

Nun wurden die Algorithmen der Suchmaschinenanbieter immer besser und letztendlich kommt es heute nur noch auf Inhalt an. Hat man Inhalt und passt der zur Suche, dann kommt man nach vorne auf die Suchergebnisseite.

Der Inhalt ist relevant. Gilt das auch für Gottesdienste? Nun sind wir nicht über eine Suchmaschine erreichbar, wobei das hätte was: Eine Suchmaschine für Gottesdienste. Da würde ich gerne mal eine Liste der Suchbegriffe sehen, das wäre sicherlich interessant. Grundsätzlich ist Gemeinde natürlich mehr als Gottesdienstkonsum, aber das ist ein anderes Thema.

Allerdings interessiert sich der Mensch im Gegensatz zur Suchmaschine auch für die Form und nicht nur für den Inhalt und wir versuchen durch Auswahl von alten und neuen Liedern, durch eine nicht-kirchliche Sprache eine Form zu finden, die den Blick auf den Inhalt nicht verstellt.

Ich möchte nun mit Euch ein paar Beispiele für Gottesdienste betrachten, wie sie in der Bibel beschrieben sind.

Nehemia 8

Als erstes schauen wir uns den ersten Gottesdienst im neu aufgebauten Jerusalem vor 2500 Jahren an. Die Stadt war zerstört und wurde unter großen Anstrengungen wieder aufgebaut und dann wurde dieser erste Gottesdienst gefeiert (Altes Testament, Buch Nehemia 8, 1-10; NL;) Ich gebe den Inhalt mal kurz wieder:

Alle Einwohner versammelten sich in der Stadt und wollten hören, Männer, Frauen und alle Kinder, die alt genug dafür waren.

Für einen Schriftgelehrten namens Esra war eine hölzerne Plattform (so wie eine Kanzel) errichtet worden und er las aus den fünf Büchern Mose vor und er hatte einige Helfer, die in kleinen Gruppen das Gesagte erklärten, so dass wirklich verstanden werden konnte, worum es geht. Es gab auch ein gemeinsames Gebet.

Und der Inhalt hat die Anwesenden getroffen, so dass sie geweint haben. Die Bibel zeigt oft schon ziemlich ehrlich auf, wie der Mensch ist und manchmal ist das wirklich zum Weinen.

Aber die Bibel ist in erster Linie eine Freudenbotschaft und damals bei diesem Gottesdienst sollte auch keine Zeit der Trauer sein. Die Verantwortlichen haben das so ausgedrückt:

»Geht und feiert ein Fest mit köstlichem Essen und süßen Getränken und teilt eure Speisen mit denen, die nichts vorbereitet haben. Denn dies ist ein heiliger Tag für unseren Herrn. Seid nicht traurig, denn die Freude am Herrn ist eure Zuflucht!«

In diesem Beispiel war die Form das Gottesdienst irgendwie zweitrangig. Es war halt wichtig, dass man verstehen könnte, was gesagt wurde. Wahrscheinlich wurde in Alltagssprache erklärt, ohne kirchliche Spezialwörter und sonstige Fremdwörter.

Und die Menschen dort wollten etwas hören und sie haben sicherlich diese Zusammenfassung von allem auch verstanden:

Seid nicht traurig, denn die Freude am Herrn ist eure Zuflucht!

Die überzogene Predigt

Ein weiteres Beispiel finden wir in einen Abendgottesdienst im neuen Testament in der damals griechischen Stadt Troas (Apostelgeschichte 20, 7-12; NL):

7 Am ersten Tag der Woche versammelten wir uns, um das Abendmahl zu feiern. Paulus predigte. Da er am nächsten Tag abreisen wollte, sprach er bis Mitternacht. 8 Der Raum im oberen Stockwerk, in dem wir uns versammelt hatten, war von vielen Lampen erleuchtet. 9 Paulus sprach sehr lang. Ein junger Mann mit Namen Eutychus, der auf der Fensterbank saß, wurde immer müder. Schließlich schlief er fest ein, verlor das Gleichgewicht und stürzte drei Stockwerke tief. Als man ihn aufhob, war er tot. 10 Paulus lief hinunter, beugte sich über ihn und nahm ihn in die Arme. »Habt keine Angst«, sagte er, »er lebt!« 11 Dann gingen sie alle wieder hinauf und nahmen gemeinsam das Abendmahl. Paulus sprach weiter bis zur Morgendämmerung; dann brach er auf. 12 Inzwischen war der junge Mann nach Hause gebracht worden. Er lebte, und alle waren darüber sehr getröstet.

Ich hoffe, ihr schlaft nicht bei meiner Predigt ein, aber sie dauert auch nur 10 Minuten. Und es sitzt hoffentlich auch keiner auf einer Fensterbank im dritten Stock.

Ich glaube, das war damals schon eine besondere Gelegenheit. Manchmal sind ja alle Grenzen der Aufmerksamkeit aufgehoben, weil es so fesselnd ist und weil Paulus wirklich etwas zu sagen hatte. Und die Müdigkeit das Jungen war einfach der späten Uhrzeit geschuldet.

Aber unabhängig von besonderen Situationen möchte ich bei Gottesdiensten immer eine Form finden, die dem interessanten Inhalt gerecht wird. Ihr dürft mir gerne in den Kommentaren Feedback geben, zu Form und zum Inhalt.

Es war Paulus übrigens auch sehr wichtig, dass man nicht alles kritiklos aufnahm, was er sagte, sondern man es hinterfragt. Dazu gibt es auch ein Beispiel (Apostelgeschichte 17, 11; NL), als Paulus mit seinem Freund Silas in der Stadt Beröa Gottesdienste gehalten haben:

Die Einwohner Beröas ... hörten die Botschaft Gottes mit Interesse an. Tag für Tag forschten sie in den Schriften nach, um zu prüfen, ob Paulus und Silas tatsächlich die Wahrheit lehrten.

Hier sind wir wieder bei „Content is king“. Sie diskutieren weniger darüber, ob ihr Vortragsstil und ihre Diaktik gut ist, sondern sie reflektieren die Inhalte. Was hat das mit meinem Leben zu tun? Stimmt das überhaupt?

Bergpredigt

Eine letztes Beispiel noch ist die Bergpredigt. So ein richtiger Gottesdienst ist das nicht, aber es ist interessant, wie die Bergpredigt endet. Der Inhalt ist sowieso interessant, darüber kann man ganze Predigtreihen halten, es wurden unzählige Bücher geschrieben und man kann das Gesagte wahrscheinlich nie komplett erfassen.

Am Ende heißt es (Matthäus 7, 28.29; NL):

28 Als Jesus seine Rede beendet hatte, waren die Menschen überwältigt von seiner Lehre, 29 denn er sprach mit Vollmacht - anders als die Schriftgelehrten.

Ich denke, dass kein Prediger für sich in Anspruch nimmt, mit der selben Vollmacht wie Jesus zu sprechen. Und wahrscheinlich war er zusätzlich auch noch ein interessanter, fesselnder Redner.

Wir haben als Gemeinde trotzdem den Auftrag, diese Botschaft von Jesus auch weiterzutragen, bei aller unserer Unvollkommenheit, menschlich, technisch, was auch immer; also abgewandelt von „Content is king“ gilt „Jesus' Botschaft ist das Allerhöchste“. Oder anders gesagt: The content of king jesus is king.

Lassen wir uns immer wieder neu darauf ein, ob nun Online oder vor Ort.

Und egal, was noch auf uns zu kommt:

Seid nicht traurig, denn die Freude am Herrn ist eure Zuflucht!