Wenn Gerechtigkeit und Frieden miteinander knutschen...

Wie verbindet man die Gegensätze von Gnade und Wahrheit, von Gerechtigkeit und Frieden (Psalm 85)?

Gottesdienst, , , Kreuzkirche Leichlingen

Einleitung

Es soll heute ums Knutschen gehen.

Nein, nicht wirklich, aber ich bin auf der Suche nach einem Thema über einen Bibelvers gestolpert, an dem ich hängen geblieben bin (Psalm 85, 11; NEÜ

Gnade und Wahrheit sind sich begegnet, Gerechtigkeit und Friede küssen sich.

Ich habe mehrere Bibelübersetzungen verglichen und überall steht „küssen“. Gelesen hatte ich die Stelle schon einmal, denn ich hatte sie angestrichen.

Aber ich fand dieses Bild irgendwie faszinierend: Gerechtigkeit und Friede knutschen miteinander.

Auch Gnade und Wahrheit sind eher ein Gegensatz, aber begegnen sich hier.

Was bedeutet dieses Bild?

Wir schauen uns diesen Psalm einmal an. Wie alle Psalmen ist er ein Lied (am Anfang steht „für den Chorleiter“), von dem wir leider die Melodie nicht mehr kennen.

Die Schuld des Volkes

Psalm 85, 2-4; NL

2 Herr, du hattest Freude an deinem Land und hast Israel aus der Gefangenschaft befreit. 3 Du hast deinem Volk seine Schuld vergeben und alle seine Sünden zugedeckt. 4 Du hast von deinem Zorn abgelassen und die Glut deines Zornes gelöscht.

Der Psalmist blickt zurück. Er ist sich der Schuld seines Volkes bewusst und er ist sich auch bewusst, dass das Volk Gottes Zorn erlebt hat.

Ich habe mich oft gefragt, ob und wie man das auf heute übertragen kann. Welches Verhalten ruft Gottes Zorn hervor? Und wie äußert sich Gottes Zorn?

Also, was muss heute ein Volk tun, um Gottes Zorn zu wecken?

Wenn ich von der Einzelperson ausgehe, dann steht sowieso jeder, der Jesus Christus nicht hat, unter Gottes Zorn. So steht es in Johannes 3, 36; NL:

Und alle, die an den Sohn Gottes glauben, haben das ewige Leben. Doch die, die dem Sohn nicht gehorchen, werden das ewige Leben nie erfahren, sondern der Zorn Gottes liegt weiterhin auf ihnen.

Also entkommt man nur durch das Halten an Jesus Christus dem Zorn Gottes. Der Glaube ist der Einstieg in das ewige Leben, das Gehorchen ist der Weg, das ewige Leben zu erleben. Es geht hier nicht um blindes Gehorchen, sondern es ist eher ein auf Jesus hören und mit ihm zu leben gemeint.

Allerdings ist Gott laut Bibel nicht einfach pauschal zornig, sondern der Zorn wird durch die Ungerechtigkeiten eines Menschen (Römer 1, 18) ausgelöst, welche durch die Ferne von Jesus befeuert wird. Auch in anderen Stellen wird beschrieben, dass durch böses Verhalten Gott besonders zornig werden kann.

Aber zum Glück ist Gott auch sehr geduldig, so steht es sehr schön in 2. Petrus 3, 9; NL:

Es ist aber nicht so, dass der Herr seine versprochene Wiederkehr hinauszögert, wie manche meinen. Nein, er wartet, weil er Geduld mit uns hat. Denn er möchte nicht, dass auch nur ein Mensch verloren geht, sondern dass alle Buße tun und zu ihm umkehren.

OK, für Einzelpersonen hätten wir das geklärt. Wie sieht das aber mit einem ganzen Volk aus?

Die Leute sind doch verschieden, es gibt solche und solche. Wir finden im alten Testament viele Bibelstellen, wo Gott meistens über Israel richtet. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass Israel im alten Testament die Sonderrolle hat, dass Gott mit Israel aufzeigen will, dass ein gutes, gottgefälliges Leben aus eigener Kraft nicht funkioniert.

Von Israel wurde damals viel verlangt, allerdings hat Gott häufig auch selber mit Wundern eingegriffen (z.B. die Teilung des Meeres), aber trotz dieser großen Wunder haben sich die Israeliten später immer wieder von Gott abgewandt.

Gott hatte über die Tora, das Gesetz, und über Propheten Segen aber auch Fluch bei Fehlverhalten angekündigt und so passierte es dann auch.

Es gibt zwar auch Gerichtsbotschaften für andere Völker in der Bibel, aber die kommen nicht in dem Maße vor, wie es sie für Israel gibt, denn, wie gesagt, Israel hatte zur Zeit des alten Testaments eine Sonderrolle.

Wenn man jetzt heute Katastrophen sich ansieht, dann tue ich mich sehr schwer damit, irgendetwas davon als Gottes Gericht einzuordnen.

War die Flutkatastrophe ein Gericht Gottes? Das kann ich mir nicht vorstellen, das kommt wahrscheinlich nicht nur mir absurd vor.

Ist Corona ein Gericht Gottes? Ich glaube auch nicht.

Man wirft ja häufig den Kirchen vor, keine vernünftige Antwort auf Corona zu haben.

Die rationale Erklärung ist ja eher simpel. Die Menschheit geht immer mehr Risiken ein. Immer mehr Menschen reisen um die ganze Welt, immer mehr Wildtierarten werden gegessen und das erhöht natürlich das Risiko für Pandemien. Oder wir pusten immer mehr CO² in die Luft und das erhöht das Risiko für Unwetter und damit für Flutkatastrophen.

Aber sind wir als Christen mit so einer Erklärung zufrieden?

Andererseits wollen viele Menschen in der Normalität die christliche Botschaft nicht hören, aber wenn es Katastrophen gibt, dann wird sich manchmal beschwert, weil die Kirchen sich nicht zu äußern scheinen.

Eigentlich stimmt das nicht. In den einzelnen Gemeinden wurde sich sehr wohl zu Corona geäußert, auch zu anderen Katastrophen, aber es gibt halt keine gemeinsame Pressestelle für Christen.

Diese Frage von Gottes Gericht über Völker sprengt für heute den Rahmen, von daher gehe ich weiter im Text.

Erneuerung

Wir haben hier in diesem Psalm Wahrheit und Gerechtigkeit. Der Psalmist scheint sehr davon überzeugt zu sein, dass das Volk wahrhaftig schuldig und Gottes Zorn berechtigt war.

Aber der Schwerpunkt lag in den ersten Versen schon nicht nur auf der Schuld, sondern auf der Vergebung. Und damit geht es auch weiter (Psalm 85, 5-8; NL):

5 Nun wende dich uns wieder zu, Gott unsres Heils, und vergiss deinen Zorn auf uns. 6 Willst du uns denn für immer zürnen? Willst du deinen Zorn auch auf die künftigen Generationen ausdehnen? 7 Willst du uns nicht lieber neues Leben schenken, damit dein Volk sich wieder an dir freuen kann? 8 Zeige uns deine Liebe, Herr, und schenke uns dein Heil.

Er bittet um neues Leben, um Gottes Liebe und sein Heil.

Dieser Psalm wirkt schon sehr neutestamentlich: Vergebung erfahren und sich mit Gott auf den Weg machen.

So ähnlich hören wir das ja auch immer beim Abendmahl (1. Korinther 11, 25; NL):

»Dieser Kelch ist der neue Bund zwischen Gott und euch, besiegelt durch mein Blut.

In Jesus Christus kann man die Schuld hinter sich lassen und sich mit Gott neu auf den Weg machen, neues Leben erfahren, durch Gottes Liebe.

Das heißt nicht, dass man die Schuld kleinredet, ignoriert oder verdrängt und auch nicht, dass man sich darin suhlt. Und natürlich kann Schuld auch irdische Folgen haben, denen man sich stellen muss.

Aber die Ausrichtung auf Gott hilft einem, das in gesundem Maße hinter sich zu lassen. Der Psalmist erklärt das noch etwas (Psalm 85, 9.10; NL):

9 Ich höre aufmerksam auf das, was Gott, der Herr, spricht, denn er verheißt seinem Volk, denen, die ihm treu sind, Frieden. Lass nicht zu, dass sie auf ihre verkehrten Wege zurückkehren. 10 Ganz sicher ist sein Heil bei denen, die ihm die Ehre geben; und unser Land wird von seiner Herrlichkeit erfüllt sein.

Auf Gott hören, durch Gebet und Bibellesen, durch Austausch mit anderen Christen, auch durch die Predigt, so kann man Gott hören. Und von Gott den neuen Weg zu erwarten, zu glauben, dass man durch Jesus Christus Hilfe und Leitung bekommt, das ist letztendlich Gott die Ehre zu geben.

Tja, und das Land von Gottes Herrlichkeit erfüllt? Ich wäre schon froh, wenn das für mein Leben gelten würde, aber das ist, glaube ich, etwas, was man nie selber feststellen kann, sondern was immer andere beurteilen müssen.

Der Kuss

Und kommt es:

11 Liebe und Wahrheit haben sich verbündet. Gerechtigkeit und Frieden küssen sich!

Wir haben hier zwei Kontrastpaare: Liebe und Wahrheit, und Gerechtigkeit und Frieden.

Wir haben vorhin ja schon gehört, dass man sich trotz der unangenehmen Wahrheit der eigenen Schuld sich mit Gottes Liebe auf den Weg machen kann. Man kann alle Wahrheiten, die positiven wie die negativen zu Gott bringen. Gott möchte uns seine Liebe zeigen und mit jedem von uns gemeinsam das Leben bewältigen.

Und Gerechtigkeit und Frieden werden noch intensiver durch einen Kuss verbunden. Gerechtigkeit und Frieden scheinen ja nicht so richtig zueinander zu passen. Irgendeiner hat immer was getan, so dass bei gerechtem Handeln es keinen Frieden geben kann.

Es gibt ja heute noch Gesellschaften, wo es Blutrache gibt. Alles muss irgendwie gerächt werden, also gerächt mit „ä“, und das geht hin und her und es gibt keinen Frieden.

So schlimm ist es bei uns glücklicherweise nicht, aber wir merken schon, dass Frieden und Gerechtigkeit nicht ohne Vergebung funktionieren kann. Man stellt sich der Wahrheit und zu seinen Taten und gibt es Vergebung, dann kann man kann in Frieden neu anfangen. Und wenn sich jeder seiner Fehler bewusst und sich dazu stellt, dann gibt es auch eine Gerechtigkeit, die nicht auf Aufrechnen basiert.

Und das ist diese Gerechtigkeit, die wir durch Jesus Christus bekommen können, und dann knutschen tatsächlich Gerechtigkeit und Frieden miteinander.

Die Folgen davon

Psalm 85, 12-14; NL

12 Wahrheit wird auf der Erde wachsen und Gerechtigkeit vom Himmel herabschauen.
13 Ja, der Herr wird es uns gut gehen lassen und unser Land wird reiche Ernte tragen.
14 Gerechtigkeit wird ihm vorangehen und für ihn den Weg bereiten.

Das wird die Folge für unser Leben dann sein, und wenn das im großen Maßstab gelebt wird, könnte es auch eine Folge für unser Land sein. Wahrheit und Gerechtigkeit, aber auch Frieden und Liebe.

Der Psalmist ist hier ja sehr optimistisch. Wenn man ein bisschen böse denkt, dass hört sich das so ähnlich an wie:

„Und sie lebten glücklich zusammen bis ans Ende ihrer Tage.“

Versteht mich nicht falsch: Ich glaube schon, dass das stimmt, was der Psalmist hier sagt.

Wir müssen uns nur fragen, woran es liegt, wenn wir das nicht erleben, wenn also z.B. nicht die Wahrheit hier auf Erden oder zumindest in unserem Leben wächst, oder woran es liegt, wenn es uns nicht gut geht.

Es geht hier sicherlich nicht um materiellen Wohlstand oder um gesundheitliche Unversehrtheit, sondern es geht um ein Leben in Frieden mit Gott, und auch mit sich selbst, so dass man nicht von Unzufriedenheit zerfressen wird.

Gott möchte segnen, da bin ich sicher. Aber, das gehört zur Wahrhaftigkeit auch dazu: In welchem Umfang prägt Gnade, Wahrheit, Frieden und Gerechtigkeit unser Leben?

Zusammenfassung

Ich fasse zusammen.