Glaube und Aberglaube im Zeichen von Corona

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Einleitung

Heute möchte ich mit einem sogenannten Funfact beginnen, also unnützes Wissen, aber irgendwie lustig.

Wißt ihr, welches Medikament am Meisten für den Artenschutz bewirkt hat? Also für den Schutz von vom Aussterben bedrohten Tierarten? Da kommt ihr nie drauf, wenn Ihr es nicht schon einmal irgendwo gehört habt.

Es ist Viagra. Dadurch, dass dieses Mittel wirklich gegen erektionale Dysfunktion beim Mann funktioniert, hat die Nachfrage nach sogenannten tradionellen Aphrodisiaka wie Schlangenblut und Nashornpulver nachgelassen und es werden weniger seltene Tiere zu Potenzmitteln verarbeitet.

Letztendlich basierten diese sogenannten tradionellen Mittel eigentlich nur auf Aberglauben und wirken daher nicht über den Placebo-Effekt hinaus.

Placebo-Effekt, kurz erklärt, bedeutet, dass ein Mittel ohne Wirkstoffe trotzdem wirken kann, wenn der Patient oder auch der verabreichende Arzt daran glaubt, dass es wirkt. Dieser Placebo-Effekt hat aber auch Grenzen und das hat man übrigens auch in Studien für Viagra nachgewiesen.

Diese Placebo-Effekt hat mich so ein bisschen beschäftigt. Im Iran gibt es zwei Mausoleen (in Maschad und in Ghom), die jährlich von Millionen von Pilgern besucht werden. Die Gläubigen suchen Heilung, indem sie die Metallstäbe vor den Schreinen küssen (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-Pandemie_im_Iran). Das wurde auch jahrzehntelang schon so praktiziert, bis jetzt und hier stand die religiöse Obrigkeit nun vor einem Problem. Die schiitischen Geistlichen haben ja immer verkündet, dass man dort Heilung finden kann. Und nun scheint Corona stärker zu sein.

Ähnlich ist bei diversen Wallfahrten in der katholischen Welt. Viele Wallfahrtszüge wurden in der Vergangenheit ins Leben gerufen, um mit ihrer Hilfe Krisen und Seuchen zu überwinden. Und jetzt müssen sie wegen Corona abgesagt werden. In Lourdes, wo viele Menschen glauben, dass man durch Baden im Quellwasser und den Glauben an Maria Heilung erfahren kann, sind die Bäder auch geschlossen worden. Hier gibt es schon eine Petition dafür, die Bäder wieder zu öffnen (siehe https://www.katholisch.de/artikel/24712-wegen-coronavirus-lourdes-schliesst-pilgerbecken):

Darin heißt es, dass Katholiken weltweit „schockiert und empört“ seien. Noch nie sei es in den Becken zu einer Ansteckung gekommen. Auch wenn man in Lourdes im selben Becken wie ein Corona-Infizierter baden würde, könne es zu keiner Ansteckung kommen, „denn die Becken sind keine Orte der Sünde, sondern des Glaubens“. Es sei Glaube, nicht die Medizin, die Wunder ermöglichten. Wer befürchte, dass von den Becken in Lourdes eine Ansteckungsgefahr ausgeht, "leugnet die Kraft Gottes und die Zusage Unserer Lieben Frau und damit die Bedeutung von Lourdes".

Ich glaube, der Corona-Virus zwingt Gläubige über bestimmte Aspekte ihrens Glauben neu nachzudenken. In der freikirchlichen Welt gibt es solche (ich sag mal etwas despektierlich) „magischen“ Orte nicht. Es gibt keine baptistische Quelle und man wird auch nicht gesund, wenn man das Grab von Johann Gerhard Oncken besucht. Ich denke, die Bibel gibt so etwas auch nicht her.

Unser Gemeindehaus ist zwar kein magischer Ort, aber wir müssen darüber nachdenken, wie wir mit dem Gottesdienst weitermachen. Wir brauchen grundsätzlich die Gemeinschaft im Gottesdienst, das ist grundsätzlich gut für uns. Aber trotzdem ist es schwierig: Ist es Kleinglaube, wenn man Angst hat, dass Gottesdienstbesucher sich anstecken? Oder ist es leichtfertig, sich jetzt einfach wie vorher zu treffen, so wie bei Jesus in der Wüste, wo der Satan ihn auf den Tempel hebt und sagt, „Stürz dich hinunter, Dir wird nichts passieren“?

Ich habe da noch keine Antwort drauf und fühle mich da noch sehr unsicher.

Aber ich bin sicher, dass Gott auch heute noch Wunder tut, aber wir können sie nicht erzwingen und es gibt keinen Automatismus dafür. Wir können beten und Gott erhört Gebet.

Der Gelähmte am Teich

Nun möchte ich mit Euch einen Bibeltext betrachten und da taucht tatsächlich so eine Art „magischer Ort“ auf (Johannes 5, 1-9; NL):

1 Danach ging Jesus zu einem der jüdischen Feste nach Jerusalem hinauf. 2 Innerhalb der Stadtmauern, in der Nähe des Schaftores, befindet sich ein Teich mit fünf Säulenhallen, der auf Hebräisch Bethesda genannt wird. 3 Scharen von kranken Menschen - Blinde, Gelähmte oder Verkrüppelte - lagen in den Hallen.
 
und warteten auf eine bestimmte Bewegung des Wassers, denn von Zeit zu Zeit kam ein Engel des Herrn und bewegte das Wasser. Und wer danach als Erster ins Wasser stieg, wurde geheilt.
 
5 Einer der Männer, die dort lagen, war seit achtunddreißig Jahren krank. 6 Als Jesus ihn sah und erfuhr, wie lange er schon krank war, fragte er ihn: »Willst du gesund werden?« 7 »Herr, ich kann nicht«, sagte der Kranke, »denn ich habe niemanden, der mich in den Teich trägt, wenn sich das Wasser bewegt. Während ich noch versuche hinzugelangen, steigt immer schon ein anderer vor mir hinein.« 8 Jesus sagt zu ihm: »Steh auf, nimm deine Matte und geh!« 9 Im selben Augenblick war der Mann geheilt! Er rollte die Matte zusammen und begann umherzugehen.

Gibt es also doch solche magischen Orte? Tatsächlich weiß ich nicht so genau, wie ernst ich diesen Vers 4 mit dem Engel nehmen soll, denn ihr werdet ihn in Eurer Bibel wahrscheinlich nur in einer Fußnote mit dem Kommentar „einige Handschriften fügen hinzu“ finden.

So richtig passt das für mich nicht zum Rest der Bibel, aber andererseits hält sich Gott nicht an meine Vorstellung, wie er sein sollte und von daher ist es gut möglich. Doch dann müsste das auch messbar sein, wenn man für heutige Orte auch so eine übernatürliche, göttliche Heilungskraft in Anspruch nehmen möchte. Der erste, der nach dem Bewegen des Wasser hineinsteigt, wurde geheilt. Das wäre tatsächlich gut messbar und belegbar. Und die Tatsache, dass sich dort viele Kranke aufhielten und warteten, deutet stark daraufhin, dass nach der Wasserbewegung Heilung erfolgt ist.

Für die Botschaft dieses Textes ist es tatsächlich nicht wichtig, ob diese Wasserbewegung wirklich eine Heilkraft hat oder nicht.

Wie war denn die Situation? Scharen von kranken Menschen lagerten in diesen Hallen und warteten. Und ich glaube, manche warteten schon ziemlich lange. Was ist denn passiert, wenn sich das Wasser bewegte? Wahrscheinlich wurde gedrängelt, beseite geschubst, um der erste zu sein und die noch am fittesten waren, die haben es dann geschafft und die Hilfloseren guckten in die Röhre.

Das bestätigt der Kranke ja auch: Es war immer einer vor ihm da. Er kam immer zu kurz und immer zu spät. Es gab eine Lösung für sein Problem, aber er war unfähig, sie in Anspruch zu nehmen. So ein bisschen ist das ein Bild für die Lebensweise „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Natürlich, sollte man meinen, wenn man sich anstrengt, dann bekommt man sein Leben auf die Reihe.

Nein, das muss nicht so sein. Ich will jetzt nicht der Faulheit das Wort reden, aber manchmal bekommt man es nicht hin, obwohl es irgendwie gehen müsste.

So wie es aussieht, hätte der Gelähmte durch das Wasser geheilt werden können, aber konnte es nicht schaffen. Wer weiß, wie lange er da schon gelegen hat und wie oft das Wasser bewegt wurde!

Die erste Frage, die Jesus dem Gelähmten stellt, hat er auch schon anderen Personen in der Bibel gestellt:

„Willst Du gesund werden?“

„Oder hast Du Dich in Deiner Situation so eingerichtet, dass Du in Deinem Gejammer ganz zufrieden bist?“ Das hat Jesus jetzt natürlich nicht gesagt, aber ich könnte mir vorstellen, dass Jesus mit der ersten Frage den Gelähmten zum Nachdenken über die unausgesprochene zweite Frage bringen wollte.

Der Gelähmte antwortet mit „Ich kann nicht“. Er will wohl, aber er bekommt es nicht hin.

Und dann kommt der tragische Nachsatz „Ich habe niemanden“.

Kriegen wir das in der Gemeinde so hin, Gemeinschaft zu leben, dass niemand sagen muss: „Ich habe niemanden“? Das ist sicherlich ein Ziel unserer Gemeinde.

Aber der Gelähmte ist halt auf den magischen Ort fixiert, so wie im Iran die Metallstäbe im Mausoleen, so wie die Quelle in Lourdes, die laut Wikipedia normales Quellwasser ist und viele andere Orte, wo Menschen hinpilgern, um Hilfe zu empfangen.

Jesus interessiert sich überhaupt nicht für das Wasser. Er hätte ja auch ihm helfen können, als erster ins bewegte Wasser zu kommen, oder er hätte mit seiner göttlichen Kraft das Wasser bewegen können.

Aber Jesus hilft ihm so, einfach so, unabhängig von dem Lösungsweg, an den sich der Gelähmte wahrscheinlich viele Jahre festgeklammert hat. Jesus braucht diese magischen Orte und Rituale nicht, er kann einfach so helfen.

In diesem Text bleiben Fragen offen. Warum hat Jesus nicht einfach alle geheilt? Da waren ja viele Kranke. Ich kann das nicht beanworten, aber es zeigt mir, dass wir Jesus nicht instrumentalisieren können, so nach dem Motto, wenn ich das und das mache oder wenn ich an einem bestimmten Ort bin, dann werde ich geheilt. Das geht so einfach nicht.

Aber Jesus kommt man dem Gelähmten ins Gespräch und ich bin sicher, dass er auch mit jedem von uns ins Gespräch kommen möchte: Wollen wir Veränderung in unserem Leben? Veränderung zum Besseren? Was behindert bei uns persönlich so eine Verbesserung? Und Jesus kann ganz andere Wege mit uns gehen, als wir sie uns vorstellen.

Zusammenfassung